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Zwei Probleme im Kampf gegen den Totalitarismus

by - 28. April 2019

Es heißt immer, man müsse aus der Geschichte lernen und aus der deutschen ganz besonders, weil die Jahre von 1933-1945 sich nie wiederholen dürfen.

Dem stimme ich zu und klage hiermit an, dass eben das nicht passiert ist und wir in der Gegenwart deswegen die Anfänge eines neuen Totalitarimus erleben. Und trotz aller „Geschichtsbildung“ die meisten Leute den Elefanten im Zimmer nicht sehen.

Problem Nummer eins ist, dass der NS-Totalitarismus nie in einer Weise verarbeitet und reflektiert wurde, die seine grundlegenden Strukturen und Mechanismen sichtbar macht, auch im Vergleich zu anderen totalitären Diktaturen.

Indem man den Nationalsozialismus in den Bildungseinrichtungen und Medien jahrzehntelang als etwas Singuläres (Einzigartiges) definiert und gelehrt hat, indem man eine offene Diskussion darüber als böse brandmarkte und sogar ein spezielles Gesetz dazu erließ (§130), ist ein geradezu infantiler Umgang mit der Geschichte entstanden: Der Nationalsozialismus ist ein Inbegriff des absolut Bösen, und gut ist der, der möglichst viele und gegenteilige Ansichten zu denen der Nazis vertritt.

Die Methoden und Strukturen, und vor allem die psychologischen Abläufe, die überhaupt erst zur Machtergreifung führten und zum Mitmachen in der großen Kriegs- und Mordmaschinerie motivierten, sind bei den Nazis sehr gezielt – fast schon wissenschaftlich – weiterentwickelt worden, aber es gab sie auch schon lange vorher, wahrscheinlich schon immer. Pogrome, Hexenverbrennungen und viele andere Lnych-Ereignisse der Weltgeschichte, sowie auch die Weltreligionen dürften damit zu erklären sein. Und natürlich lassen sich die modernen Methoden, Massenbegeisterung bzw. Massenhysterien auszulösen, im Namen jeder anderen Ideologie genauso gezielt und wirkmächtig anwenden. Ob nun Sozialismus, Feminismus, Klimarettung, Weltrettung …

Aber das wurde nicht in der Schulbildung verankert, und somit eine große Chance auf tatsächliches Lernen aus der Geschichte vertan.

Natürlich gibt es vereinzelte Werke der Literatur, die derlei aufgreifen, wie „1984“ oder „Die Welle“, es gibt das Milgram-Experiment, und vieles mehr, aber das hat halt alles keinen flächendeckenden Eingang in den Standardunterricht gefunden.

Eine zweite Chance wäre gewesen, nach der Wiedervereinigung die Vorgänge in der DDR in dieser Hinsicht aufzuarbeiten, denn die hat die totalitären Methoden fortgeführt und weiter verfeinert.

Eine dritte Chance wäre nun, die ganz aktuelle Anwendung der totalitären Methoden in ihrer neuesten und weiter verfeinerten Ausprägung zu analysieren und verständlich zu machen, aber in meinen täglichen politischen Diskussionen merke ich doch, dass das ein unfassbar schwerer Weg ist.

Kommen wir zu Problem Nummer zwei. Und das ist noch viel schrecklicher.

Wenn man gegen den Totalitariamus ist, muss man die Menschen nicht nur befähigen, Totalitarismus zu erkennen, man muss sie auch dazu bringen, ihn abzulehnen. Und zwar generell, gleich ob braun, rot oder sonstwiefarbig.

Die Aufarbeitung des Nazi-Totalitarismus nach dem 2. Weltkrieg war auch in dieser Hinsicht nicht glücklich, allein schon deswegen, weil viele Altnazis ungestraft davonkamen und weiterhin Richter- und Beamtenposten bekleideten, vereinzelt sogar im Bundestag geduldet wurden.

Davon jedoch abgesehen, fühlen sich Menschen im Totalitarismus durchaus wohl, wenn der Totalitarismus zufällig gerade das macht, mit dem sie einverstanden sind. Ein ganz erheblicher Teil der Menschheit, so scheint es, tickt autoritär. Das scheint die Grundnatur zu sein. Ein totalitäres System, so es nur der guten Sache dient, wird daher als gut befunden. Wird wahrscheinlich nicht mal als totalitär oder autoritär gesehen, sondern lediglich als Ergebnis vernünftigen Denkens.

Selbst der Verfasser dieser Zeilen ist nicht frei davon, beim Gedanken an einen Totalitarismus, der seine Werte vertritt, Verführung zu empfinden.

Wobei es wirklich die Frage ist, ob man tatsächlich vielleicht nicht umhinkommen würde, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, so man dazu die Gelegenheit erlangt. Ich komme bei meinen Überlegungen immer wieder auf ein recht drastisches Ergebnis. Das da lautet:

Der momentante Deutsche ist mehrheitlich dermaßen ideologisch verdummt und verhetzt, dass er seine eigene Unterdückung bzw. seinen eigenen Untergang bejubelt. Wollte man ihn retten, müsste man vorübergehend eine totalitäre Diktatur installieren, die ihm via Umerziehungsmaßnahmen gegen seinen Willen beibringt, was Selbsterhaltung und zugleich demokratische Werte sind. Diese totalitäre Diktatur würde sich, wenn die Umerziehung fruchtet, damit irgendwann selber auflösen. Und dann könnte man wirklich sagen, man hat etwas aus der Geschichte gelernt.

Ob das wirklich funktionieren würde, und ob man überhaupt je an einen solchen Punkt gelangen wird, das auch nur zu versuchen, ist mehr als unklar. Es wäre sehr wünschenswert, wenn ich mit mehr Leuten darüber offen diskutieren könnte. Offen im Sinne von „ohne ideologische Scheuklappen“.

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From → Philosophie, Politik

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