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Die Zufriedenheitsblase und Eric Hoffer

by - 25. Dezember 2018

Der folgende Text entstammt Facebook. Der erste Block ist die Selbstreflexion eines Freundes, der zweite meine Antwort darauf.

Der Freund schrieb also:

Ein für seine kritischen Essays bekannter Facebook-Freund hat sich heute, Weihnachten 2018, aus der politischen Debatte zurückgezogen, mit einem langen Text unter der Überschrift „Deutschland ist nicht mehr zu retten.“

29 Jahre alt ist er. Ich werde 59 im bald anbrechenden Jahr und bin beinahe froh darüber, denn zuweilen kommt mir derselbe Gedanke wie ihm. Was soll’s noch, was machen wir hier? Die Massenträgheit wird gewinnen; die Merkels, ihre Klone und ihr „Wir sind mehr“-Gefolge nebst medialer Relotierung werden weiter die Richtung des Stromes der Lemminge bestimmen, weit überwiegend im Bewusstsein, das Richtige zu tun.

Ein paar Stunden vergehen und mich drückt der Aluhut. Der Deutschlandfunk füllt den Vormittag mit Klimawandel und Plastikjazz, die Sonne scheint, der Müll wird pünktlich abgeholt, nichts riecht nach Untergang. Life is good. Bin ich im Netz in einer Apokalyptiker-Sekte gelandet, die die Bodenhaftung verloren hat?

Dann wieder wühle ich in gesammelten Daten. Deutsche Nettosteuerzahler (16 von 82 Millionen), Umgang mit der Autoindustrie, Bildungsmisere, Zuwanderung, Geschlechterverteilung in der Alterskohorte 18 bis 25, Kriminalstatistik, Haltung der Muslime zur Scharia, Bevölkerungsdruck Afrikas. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Sie habe ich nicht von Deutschlandfunk, ARD und „Zeit“; meine „Sekte“ gräbt sie aus, ich prüfe ihre Quellen, sie stimmen. Währenddessen erzählen die Leitmedien „Geschichten“ voller anrührender Anekdoten, aber ohne Zahlen. Natürlich, das funktioniert besser, spricht die Mehrheit an. „Wir sind mehr.“

Stimmt. Ihr seid mehr. Eine solche Bewegung im Gleichklang von Regierung, Medien und selbst Comedy gegen eine „feindliche“ Minderheit wie in den letzten drei Jahren habe ich noch nie erlebt; aus der Literatur kenne ich sie nur aus dem dritten Reich. Und nun zitiert Johannes Sack aus „The True Believer“ (1951) von Eric Hoffer; ich erlaube mir, zwei Absätze daraus zu übersetzen.

„Eine anschwellende Massenbewegung gewinnt ihre Anhänger nicht durch ihre Lehrmeinung und ihre Versprechen, sondern durch die Zuflucht, die sie gewährt vor Ängsten, Öde und Bedeutungslosigkeit der individuellen Existenz.

Alle wirksamen Massenbewegungen versuchen, zwischen ihren Gläubigen und der Wirklichkeit der Welt einen faktendichten Schirm zu errichten. Sie behaupten, dass ihre Doktrin die unanfechtbare Wahrheit verkörpert und außerhalb ihrer keine Gewissheiten existieren.“

Ängste und Bedeutungslosigkeit der individuellen Existenz.

Auf Facebook bewege ich mich in zwei „Blasen“, der konservativ-unkenden und einer progressiv-kulturlinken, für die ohne Trump und AfD die Welt in Ordnung wäre. Konstatieren kann ich, dass es in der Letzteren viel (viel!) mehr um das geht, wofür Facebook geschaffen wurde, nämlich die sogenannte Statusmeldung, die Kundgabe persönlicher Befindlichkeiten, einschließlich Fotos dessen, was man gerade zu verzehren gedenkt. Nachrichten aus der Sphäre der individuellen Existenz. Nun gut, vielleicht hat der Essen-Post ja wirklich Bedeutung, nichts mit Öde zu tun, nichts mit dem faktendichten Schirm… und ich habe doch den Aluhut auf. Eigentlich wäre das schön.

Hier meine Antwort darauf:

Du hast ein wunderbares Stück Selbstreflexion hier abgeliefert! Die verschiedenen Blasen kenne ich auch, und deine Beobachtung, dass die linkszufriedene Blase mehr an Banalitäten interessiert ist, wie z.B. das Essen, teile ich. Eventuell noch ergänzt um Katzenvideos.

Solche Reflexionen habe ich auch immer wieder. Und ich komme leider immer wieder zum Schluss, dass die konservativ Unkenden mehr Recht haben als die zufriedene Masse.

Wieso ich die Unkenden übernommen habe aber nicht die „Linksprogressiven“ und stattdessen von Zufriedenen schreibe? Weil ja eben diese Zufriedenheit und das Oberflächlich-Unpolitische das Kennzeichen der anderen Blase ist, in der wir uns bewegen. Es ist eigentlich die Blase der Mitte.

Die Linke Blase gibt es auch, die ist das Spiegelbild der Rechten, da ist man auch unzufrieden mit dem Status Quo, aber mit ganz anderen Dingen als wir, da kriegen die Nazis nicht genug aufs Maul, Bomber Harris wird beschworen, es werden nicht genug Leute vom Mittelmeer gerettet, es werden die Frau und der Muslim unerträglich diskriminiert und der Sozialstaat muss auch dringend umverteilt werden, und der Verbrennungsmotor ist das Werk Satans. In dieser Blase können solche wie wir uns gar nicht aufhalten, weil binnen weniger Stunden unsere geistige Gesundheit gefährdet wäre. Da wirst du solche reflexiven Texte auch nicht finden, und falls doch, wird der Poster von seinen Genossen in der Luft zerrissen werden.

Links und Rechts sind die eigentlichen politischen Konkurrenten, die Mitte ist eine träge aber letztlich formbare Masse ohne eigene Richtung.

„The True Believer“ von Eric Hoffer ist auf den ersten Blick eine wunderbare Erklärung für die Massenphänomene, aber es ist nur eine Teilerklärung. Ein kleiner Splitter. Denn auch die Linken sind durchaus alarmistisch und bringen unangenehme Botschaften: Erst stirbt der Wald, dann das Klima, die Menschen verhungern, überall Krieg und Mobbing, und ihre Verordnungen, die der Rettung der Welt dienen, tun durchaus jedem einzelnen sehr sehr weh. Man muss dabei auch berücksichtigen, dass das deutsche Volk extrem duldsam ist und nicht wie die Franzosen eine geplante Umweltsteuer zum Anlass nimmt, Bürgerkrieg zu spielen, auch wenn das oft nicht ganz unangemessen wäre.

Wenn man der unkritischen trägen Masse lange und intensiv genug via Propaganda einhämmert, dass etwas richtig ist, dann glauben sie es. Zur Propaganda gehört, sich selbst zu den Guten zu stilisieren und Abweichler existenziell abzustrafen, damit Kritiker den Mund halten. Das machen sie alle. Religionen, Nazis, Sozialisten, Grüne.

Und es tritt dann irgendwann auch das Phänomen zutage, dass die Indoktrinierten die Propaganda und die Ausgrenzung Andersdenkender von ganz alleine und ohne Zwang (und vielleicht mit einer Prise sadistischer Bosheit) weiterführen.

Die große Wissenschaft wäre die, die herausanalysieren könnte, wie genau sich eine solche Bewegung überhaupt etabliert und wie sie wieder verschwindet. Im Falle der christlichen Kirche in Westeuropa hat es Jahrhunderte gedauert, bis ihre Macht und ihre Lehren im 20. Jahrhundert endlich zu bröcken begannen und dann in recht kurzer Zeit drastisch verfielen. Meiner Theorie nach hat dieser Prozess zugleich mit dem Aufsteigen alternativer Religionen zu tun, wie sie bei den Linken zusammengefasst sind. Meiner Theorie nach brauchen Menschen immer irgendetwas, woran sie glauben können. Etwas Vorfabriziertes, über das man nicht selber nachdenken muss, denn Denken tut weh. Worüber andere sich den Kopf zerbrochen haben.

Bei mehreren Angeboten sucht man sich dann halt das heraus, was am Bequemsten ist und wofür man am wenigsten tun muss.

Womit ich wieder etwas in die Nähe von Hoffers These komme, aber nicht ganz. Die Linken haben gar nicht mit Versprechungen gelockt, einem schlechten Zustand zu entkommen, denn die Menschen waren schon zufrieden gewesen. Sie lockten eher damit, nichts tun zu müssen. Dass alles so bleiben kann, und sich niemand die Hände schmutzig machen kann.

Und jeden Schritt, den sie in Richtung Abgrund tun, begründen sie damit, dass damit doch niemandem was weggenommen würde, dass doch alles halb so schlimm sei. Flüchtlinge sind nicht kriminell sondern wichtige Fachkräfte, Migrationspakte sind rechtlich gar nicht bindend, Elektroautos sind genau so gut wie Verbrennungsautos, Strom kann genauso gut aus Wind, Sonne und Wasserkraft gewonnen werden wie aus Kohle und Atom … – Ach, nichts wird sich ändern! Alles bleibt so schön wie jetzt, und wer was anderes sagt, der ist ein Unruhestifter und muss auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. O weh, zu hässlich? Na gut, wir müssen ihn ja nicht töten, es reicht völlig, ihm seine Arbeit wegzunehmen, seht ihr wie nett wir sind? Alles gut!

Tatsächlich sind Leute wie wir Unruhestifter. Wir sind die, die selber denken, und dazu gehört auch, die Konsequenzen irgendwelcher Vorgänge auf die Zukunft zu extrapolieren. Leute wie wir sahen auch schon vor der Machtergreifung 1933, dass da was übel aus dem Ruder läuft, auch wenn alles zunächst mal ganz toll war. (Bis auf dass man nicht sagen durfte, dass nicht alles toll war) So wie wir jetzt sehen, dass etwas übel aus dem Ruder läuft, obwohl doch alles ganz toll ist. Bis auf dass man nicht mehr sagen darf, dass nicht alles toll ist.

Aber es gibt nur wenige von uns, denn Denken tut weh. Wir sind wohl so was wie Mentalmasochisten. Warum gibt es uns eigentlich? Ich bilde mir ja gerne ein, dass wir die nächste Stufe der Evolution sind. Aber ich fürchte, da ist nur der Wunsch der Vater des Gedankens.

Aus der Geschichte lernen ist ein hohes Ziel. Denn es ist nicht einfach. Die Geschichte wiederholt sich zwar, aber sie tut es auch wieder nicht. Die Leute denken, dass Dinge immer wieder auf dieselbe Weise passieren, aber das tun sie nicht. Es gibt nur gewisse Denkmuster, die im Wesen des Menschen liegen, die eine Konstante darstellen. Die zu erkennen, da stehen wir noch ziemlich am Anfang. Und wer endlich kapiert hat, wie die Propaganda der Nazis und der DDR funktionierte, der sieht sich heute mit ganz neuen, psychologisch tausendmal raffinierteren Formen konfrontiert. Und die kapiert er wieder nicht, Doktor der Geschichte hin oder her.

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From → Politik

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