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Ein Gleichnis

by - 19. März 2017

Vorbemerkung: Gleichnisse hinken – wie alle Vergleiche. Einer der größten Fehler bei der Interpretation ist der Versuch, jedes Detail 1:1 auf die Realität abbilden zu wollen. 

Ich will meine Wohnung renovieren und habe Angebote von mehreren Handwerkern.

Mit den meisten hatte ich schon das Vergnügen, sie haben alle Mist gebaut und mich bei der Rechnung übers Ohr gehauen. Mehrfach. Der letzte hat sogar eine Kiste Ratten mitgebracht und sie offen gelassen, so dass jetzt überall Ratten in der Wohnung sind, die meine Vorräte anknabbern, überall hinscheißen und sich vermehren wie verrückt. Eigentlich sind sie der Grund, warum ich renovieren will. Muss.

Allerdings sieht da keiner Handlungsbedarf, alle meinen, es sei nicht so schlimm. Sie schlagen vor, die Ratten zu verkaufen, dann verdiene ich Geld. Oder sie schlachten, dann habe ich immer was zu essen. Einer meint sogar, Rattenscheiße einzuatmen sei gesund. Aber was wirklich schlimm sei, dass die Zierbordüre in der Küche schief sitzt. Das meint auch der, der sie schief dahingebastelt hat und denkt oder hofft, ich hätte das vergessen.

Dann ist da noch einer, ein ganz junger, mit dem ich noch nie zu tun hatte. Er hat keine Manieren, faselt etwas davon, dass Jesus Christus bald sein Reich auf Erden errichten werde und andere komische Dinge, die mich leicht beunruhigen. Aber erkennt als einziger die Rattenplage als das vordringlichste Problem.

Die anderen Handwerker heulen lautstark und beschwören mich, nicht mit dem Kerl zu reden, er sei total durchgeknallt und rattenfeindlich. Außerdem habe er keinerlei Konzept für die Bordüre, und auch nicht für den tropfenden Wasserhahn, und wenn ich mich mit dem einlasse, wird er das ganze Haus in Schutt und Asche legen.

Gut, vielleicht ist er noch verrückter als die anderen, und wenn ich ihn anheuere, reißt er das ganze Haus ab.

Aber: Vielleicht auch nicht. Die anderen sind erwiesenermaßen verrückt und gefährlich und lügen, und sie haben bereits Schaden angerichtet ohne Ende, und einen muss ich mir jetzt aussuchen, also gebe ich dem Neuen eine Chance. Wenn ich vom Regen in die Traufe komme, dann hab ich eben Pech gehabt. Eine bessere und vernünftigere Wahl kann ich unter den gegebenen Umständen leider nicht treffen.

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From → Politik

2 Kommentare
  1. Annika M. permalink

    Sie sind ein sehr vernünftiger Mensch, und es ist eine Wonne, Ihren Blog zu lesen!
    Man merkt deutlich, dass man Ihnen noch nicht das Denken abgewöhnt hat.

    Ich danke Ihnen für Ihre klaren Worte, für Ihre überaus vernünftigen Ansichten und auch für dieses vorzügliche Gleichnis.

    Ich gehöre einer Generation an, der man noch beigebracht hat, nicht hurra-schreiend der breiten Masse hinterherzulaufen sondern misstrauisch zu werden, wenn jemand behauptet, es gebe nur EINE Wahrheit und EINE „richtige“ Meinung. Also auf gut deutsch einer Generation, der man noch beigebracht hat, den eigenen Kopf zum denken zu verwenden und nicht unreflektiert irgendwelche vermeintlichen „Wahrheiten“ zu übernehmen und diese ebenso unreflektiert weiterzublöken.

    So bin ich aufgewachsen, und so lebe ich. Um so entsetzter bin ich über die Diffamierung Andersdenkender, über die Verwendung von „Keulen“ als bequemes Mittel, um Andersdenkende mundtot zu machen. Über die Hetze und den offenen Hass auf diejenigen, die eben nicht der breiten Masse hinterherlaufen und die eine lauthals propagierte vermeintliche „Wahrheit“ eben nicht unreflektiert als „Wahrheit“ annehmen sondern sich ihre eigenen Gedanken machen und sich so weit vom „Mainstream“ abheben, dass sie diese eigenen Gedanken auch noch äussern. (Da war mal was mit „Recht auf freie Meinungsäusserung“. In der Vergangenheit, wie es aussieht.)

    Auch ich werde den jungen Handwerker beauftragen. Schlechter als die Pfuscher kann er es nicht machen. Wie Sie ganz richtig sagen: „Eine bessere und vernünftigere Wahl kann ich unter den gegebenen Umständen leider nicht treffen.“

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