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Weltanschauungsprimitivität

by - 10. November 2016
Ich diskutiere tagein-tagaus mit sehr vielen Leute, die nicht meiner Meinung sind. Ich halte sie für blöd, sie halten mich für blöd. so, und wer hat nun Recht?
Meistens ich.
Klingt arrogant, oder?
Aber ich kann meinen Standpunkt begründen. Gut begründen. Hoffe ich. Lasst mich dazu etwas ausholen.
Wenn man etwas als wahr nimmt, wird man die restliche Welt aus dieser Position heraus beurteilen. Wobei man ja fairerweise sagen muss, dass JEDER IRGENDWAS als Fundament für sein Denken und Beurteilen hat, also als wahr voraussetzt. Eine Änderung dieser Position kann nur durch mehrfaches und böses Scheitern erfolgen.
Ein Faktor, der irrige Ansichten wider besseres Wissen festbetonieren kann, ist die Menge an Energie, die man in seine Ansicht investiert hat bzw. die Aussicht, einen Verlust zu erleiden, wenn man seine Ansicht ändert. Nicht umsonst gibt es den Spruch „Es ist einfacher, jemanden zu betrügen, als ihn davon zu überzeugen, dass er einem Betrug aufgesessen ist“. Wenn man durch Zugeben, sich geirrt zu haben, als Idiot dasteht – oder man auch nur befürchtet, als solcher dazustehen -, wird man nicht nur nach außen hin auf seiner Position beharren, man wird auch mit allen Mitteln versuchen, sich selbst davon zu überzeugen, dass man Recht hat. Ebenso wird ein jahrzehntelanger Eiferer nicht damit klarkommen, vielleicht Jahrzehnte seines Lebens vielleicht sinnlos vergeudet zu haben.
In diesem Faktor unterscheide ich mich. Natürlich bin auch ich nur ein Mensch und weiß um den Schmerz, den man empfindet, wenn man sich blamiert hat, aber ich lasse mich nicht davon leiten. Ich habe ein zwanghaftes Bedürfnis nach dem Korrekten. Dem sachlich Richtigen. Ich ertrage es nicht, etwas nicht zu verstehen, und ich ertrage es nicht, wenn eine Lüge oder Falschinformation im Raum steht und sie niemand richtigstellt.
Leute wie mich, denen es tatsächlich in erster Linie darauf ankommt, was richtig und was falsch ist, und die einen Irrtum nicht zu verleugnen versuchen, sondern auch öffentlich zugeben – wenngleich unter Zähneknirschen -, gibt es nicht viele, wie ich im Laufe meines Lebens erfahren habe. Die Denkmuster der meisten Menschen sind durchaus ziemlich primitiv.
Natürlich habe auch ich meine Prämissen. Ich setze zum Beispiel voraus, dass meine eigene Wahrnehmung keine Halluzination ist, und dass meine logischen Schlüsse richtig sind – überhaupt, dass die Logik als solche richtig ist. Und ich habe für mich entschieden, dass wenn das dann doch nicht stimmt, dann eh alles egal ist. Wenn ich nicht mehr Herr meiner Sinne bin, tut mich halt in die Anstalt einweisen.
Ich bin Agnostischer Antitheist nicht, weil das mein unverrückbarer Standpunkt ist, sondern aufgrund von Evidenz. Ich sag immer: Selbst wenn es Gott geben sollte, wäre es falsch bei der dürftigen Beweislage, an ihn zu glauben.
Aber bitte, das soll kein religiöser Rant sein, es geht hier ebenso sehr um politische, pädagogische, psychologische und hin und wieder wissenschaftliche -kurzum generell phiosophische – Ansichten. Natürlich: Neben der Religion ist die Politik das zweite große Schlachtfeld der Kontroversen. Jedenfalls derer, mit denen ich zu tun habe. Über Medizin, Physik, Biologie, etc. streite ich doch eher selten und da kommt auch schnell Konsens in die Debatte. Ich glaube, es liegt zum einen an der einfacheren Überprüfbarkeit von Aussagen als auch an einem anderen Kulturkreis der Debattanten und last but not least spielen hier Emotionen eine in der Regel viel geringere Rolle.
Ich höre daher gerne jedem geduldig zu, wenn er meint, da was Neues vorbringen zu können. Okay, möglicherweise erschöpft sich in den letzten Jahren meine Geduld ein wenig, das liegt wohl am Alter. Oder daran, dass grundlegend Neues und Unerhörtes mir schon lange keiner mehr erzählen konnte.
Wie Glaube funktionieren kann, hat ein Wissenschaftler mit Tauben erkundet. In seinem Experiment hat er sie mit einem Automaten gefüttert. Es ging darum, ob Tauben die kognitive Fähigkeit haben, bestimmte Schalterkombinationen zu drücken, um ans Futter zu kommen. Haben sie tatsächlich, bis zu einem gewissen Grad. Dann stellte der Wissenschaftler den Automaten um auf „random“, und der Automat gab zufallsgesteuert das Futter heraus, und vor allem nur selten. Als Reaktion darauf begannen einige der Tauben, bestimmte „Rituale“ abzuhalten, wie z.B. nach Links über die Schulter zu schauen, bevor sie einen Schalter betätigten.
Ein ähnliches Experiment gab es auch mit Menschen. Sie sollten herausfinden, nach welchen Regeln eine Tastatur eine Lampe aufleuchten lässt, und sie wurden im Glauben gelassen, dass es eine solche Regel gab, während die Apparatur in Wahrheit nach dem Zufallsprizip funktionierte. Die Menschen tüftelten und entwickelten komplexe Regeln, von deren Gültigkeit sie schließlich komplett überzeugt waren. Und als man ihnen enthüllte, wie die Maschine wirklich funktionierte, weigerten sie sich, das zu glauben, versuchten den Versuchsleiter noch zu überzeugen, dass er sich irren müsse.
Das menschliche Denkvermögen ist sehr fehleranfällig, und es enthält als evolutionäres Erbe eine Reihe atavistischer Merkmale. Wir sind keine Rechen- und Logikmaschinen. Manche von uns können diese Fähigkeit erlernen, aber bei weitem nicht alle. Ich konnte. Auch nicht perfekt, es gibt bessere und schnellere Denker als ich, aber verglichen mit meinen europäischen Mitbürgern schätze ich mich selbst im obersten halben Prozent ein.
Nun besagt meine Selbsteinschätzung nicht viel, denn auch dumme Menschen glauben, dass sie gar nicht dumm seien. Bzw. unterschätzen sie Menschen, die viel klüger sind als sie selbst. Das nennt man den Dunning-Kruger-Effekt.
Wenn ich mit dummen Menschen diskutiere, die denken, dass ich der Dumme sei – woher weiß ich denn so sicher, dass sie nicht Recht haben? Darüber habe ich tatsächlich jahrelang nachgedacht. Und ich denke, es liegt an der praktischen Seite. Man stelle sich vor, ich würde mit einem Blinden diskutieren, der behauptet, sehen zu können, und sagt, ich sei der Blinde. Dass ich aber nicht blind bin, sehe ich. Buchstäblich. Ich kann durch die Welt laufen, ohne anzustoßen, Bücher lesen, Computerspiele spielen, Fernsehen gucken, Auto fahren. Der Blinde kann das nicht. Er scheitert an diesen Dingen.
Der Dumme scheitert auch. Er scheitert vorwiegend daran, auf Argumente eingehen zu können. Sie überhaupt zu verstehen. Er verfällt schnell in Polemik und Beleidigungen, weil ihm das Werkzeug für eine intellektuelle Auseinandersetzung fehlt.
Dass er das nicht erkennen kann, ist tragisch. Aber nicht mein Problem.
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From → Philosophie

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