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Ethik: Über das Leben und den Tod

by - 30. Juli 2016
Dieser Text entstand als Beitrag zu einer Debatte über die Rechte von Foeten auf Leben (Nichtabgetriebenwerden) versus das Recht eines Erwachsenen auf eine Patientenverfügung, wo er klarstellt, dass er nicht will, dass wenn er im Koma liegt, die Maschinen abgestellt werden (zugegebenermaßen der deutlich seltenere Fall als umgekehrt). Nur, weil der Foetus keine Gelegenheit hatte, vorher zum Notar zu gehen, ist er menschenrechtlich benachteiligt. Wieso feiern wir das eine und verdammen das andere?

Ich habe dieses ethische Dilemma für mich persönlich schon vor Jahren aufgelöst. Die Auflösung stößt ganz tief in grundsätzliche Prinzipien vor.

Der Tod ist für mich kein Zustand des Leidens. Der Tod ist nichts Schlimmes. Einem abgetriebenen Fetus wird nichts Böses angetan, er wird quasi in den Zustand vor seiner Zeugung zurückversetzt, ins Nichts.
 
Im Prinzip gilt diese Formel auch für erwachsene Menschen. Wir alle kommen aus dem Nichts und gehen wieder ins Nichts. Das Nichts aber ist nichts Schreckliches.
 
Was aber ist dann schrecklich?
 
Schrecklich sind Schmerz und Übelkeit (somatisch) sowie Angst und Trauer (psychisch). Überspitzt ausgedrückt könnte man sagen: Es ist das Leben, das Schrecklich ist. Zumindest jedenfalls kommt das Schreckliche (ebenso wie das Schöne) nur im Leben vor.
 
Der Mensch ist nun aber so konstruiert, dass er leben will und dass er Angst hat sowohl vor dem Sterben als auch vor dem Nichtsein als auch davor, was er möglicherweise nach seinem Tod erleben könnte. Diese Angst vor dem Tod ist ein fester Bestandteil unseres Wesens.
 
Der positive Teil dieser Gefühlskurve ist die Lust auf das Leben. Der Wille, zu sein, zu erleben, zu genießen, die Neugier auf die Welt.
 
Außerdem ist der Mensch ein soziales Wesen, und der Verlust von anderen Menschen, die ihm etwas bedeuten, ist ebenfalls schrecklich.
 
In einer Gesellschaft, wo man befürchten müsste, jederzeit umgebracht zu werden oder durch Mord einen geliebten Menschen zu verlieren, wäre deswegen für jeden normalen Menschen das Leben unerträglich grausam.
 
Und das ist der Punkt. Das ist der Grund, warum es in jeder Gesellschaft reglementiert ist, dass man niemanden einfach so umbringen darf und diese Reglementierung auch ein jeder aus einer tiefen Gewissheit heraus als „richtig“ empfindet, ohne dass man es ihm erklären oder gar indoktrinieren muss.
 
Und das ist auch der Grund, warum der Tod eines Foetus und der Tod eines Erwachsenen intuitiv nicht als Dasselbe empfunden werden. Letztlich auch, warum der Tod eines Tieres und der Tod eines Menschen intuitiv nicht als Dasselbe empfunden werden. Und warum dieser Unterschied andererseits immer kleiner wird, je mehr Bewusstsein wir dem werdenden Menschen bzw. dem Tier zugestehen. Warum uns der Tod eines Gorillas mehr berührt als der Tod eines Käfers bzw. warum der Tod einer Pflanze uns praktisch gar nicht berührt.

Und die obengenannte Soziale Komponente ist der Grund, warum uns der Tod eines Menschen aus unserem Haushalt mehr berührt als der Tod des Nachbarn, und dessen Tod wiederum mehr als der Tod irgendeines Menschen in Indien. Warum uns der Tod eines geliebten Haustiers mehr berührt als 1000 Tote bei einer Katastrophe in China. Warum uns sogar der „Tod“ eines unbelebten Wesens wie eines Autos oder des Hauses, in dem wir als Kind lebten, berühren kann.

Das ethische Dilemma entsteht erst, wenn man nach einer allgemeingültigen Regel sucht, die objektiv für alle Menschen gleichermaßen gelten müsse. Man sucht nach etwas, das man nicht finden kann, weil es das nicht gibt. Die Objektivität.

 
Für religiöse Menschen, die daran glauben, dass eine objektive Instanz existiert, die man nur befolgen müsse, ergibt sich dieses Dilemma vielleicht nicht.
 
Objektivität kann, wie man sieht, dennoch aus der Summe einzelner Subjektivitäten emergent hervorgehen. Indem die kollektive Angst vor dem Tod eine allgemeingütlig akzeptierte Regel hervorbringt.
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From → Philosophie

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