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Totes Kind und wir sind schuld

by - 4. September 2015

Es geistert dieser Tage eine Meldung durch die Medien. Es wurden in der Türkei ertrunkene Flüchtlinge an Land gespült. Eine syrische Familie stieg in der Türkei in ein Schlepperboot, das sank. Alle tot. Fotos vom toten Jungen, Vorschulalter, wie ein türkischer Polizist es aufhebt und trägt. Und dazu die geschriebene Anklage, der Westen (Europa) sei herzlos und tue zu wenig für die Flüchtlinge, und wer kann jetzt immer noch so ein Arschloch sein, etwas gegen Flüchtlinge zu haben.

Schreckliches Schicksal, natürlich. Und tragisch. Immer tragisch, wenn Kinder im Spiel sind.

Doch Moment, was lese ich da? Sie stiegen gar nicht in Lybien oder Syrien ins Boot, sondern in der Türkei. Wurden sie denn in der Türkei immer noch verfolgt? Warum muss man in der Türkei in ein marodes Schmugglerboot einsteigen und sein Leben riskieren, um noch weiter nach Westen zu kommen?

Parallel dazu auch Berichte aus Ungarn, wo Flüchtlinge nun mit dem Zug über Wien nach München kommen und von den Münchenern euphorisch empfangen werden. Aber die bösen Ungarn sperren ihre Bahnhöfe manchmal auch wieder ab. Fotos von einer Familie, die sich schreiend an Gleise klammert.

Auch Berichte von Flüchtlingsfamilien, die in Wien einen Zwischenstopp haben und nun unsicher sind, ob sie es nach Deutschland schaffen.

Warum muss man mit dem Zug von Ungarn weiterreisen? Von Wien aus weiterreisen? Ist das noch Sicherheitsbedürfnis?

Für viele ist das völlig klar: Die Türkei und Ungarn sind unmenschliche Scheißländer, faschistisch, wo man als Flüchtling in „Internierungslager“ gepfercht wird. Und es ist völlig logisch, dass jeder warmes Wasser und ein festes Dach überm Kopf haben will. Wer ihnen das verwehrt, ist ein Arschloch. Ende der Diskussion.

Nun, ich finde, es sollte nicht das Ende sein, vielmehr der Anfang.

Unsere Aufnahmekapazitäten im Paradies sind begrenzt, und dass diese Kapazitäten erschöpft sind, zeigen die vielen Meldungen an, in denen Gemeinden händeringend nach Unterbringungsmöglichkeiten suchen, Bauten umgewidmet und Container- und Zeltstädte errichtet werden.

Es läuft sehr vieles grundsätzlich falsch, es fehlen Konzepte an allen Ecken und Enden. Ganz wichtig wäre es, festzulegen, wieviele zusätzliche Menschen wir zu verkraften gedenken, diese Zahl dürfte sich berechnen oder festlegen lassen. Wenn man sich der Begrenztheit erst einmal bewusst wird, denkt man nämlich im zweiten Schritt darüber nach, wer bleiben soll und wer NICHT. Weil eben nicht alle bleiben KÖNNEN. Und es muss dann diskutiert werden, WARUM der eine bleiben darf und der andere nicht. Und was man mit dem, der bleiben darf, ANSTELLT.

Seien wir doch mal ehrlich und klarsichtig: Aus den Kriegsgebieten kommen die Leute nicht primär mit Booten, weil die Kriegsgebiete gar nicht ans Meer grenzen. Und einmal in Europa angekommen, reisen sie zahlreich weiter, durch sichere Länder, bis sie Deutschland, Schweden oder Dänemark erreichen.

Dass es einem, der einmal den Fuß hier rein gesetzt hat, gut geht, spricht sich rum. Und im Zeitalter von Handys und Internet spricht es sich sogar verdammt schnell rum! Auch bis in den tiefsten Busch.

Sogar der flüchtlingssüchtige Minister de Mazère hat es jetzt ausgesprochen, dass unser Lebensstandard für Ankömmlinge eine „Sogwirkung entfaltet“.

Serbien forderte Deutschland neulich auf, die Hilfe für Flüchtlinge zu senken, weil die Grundversorgung hier höher ist als das Durchschnittseinkommen bei denen und der Zustrom ohne Finanzvorteil um 80% reduzierbar wäre. Auch Ungarn kritisierte die Flüchtlingsströme als „deutsches Problem“.

Wie gesagt, es gibt hier keine Konzepte, wie mit Einwanderung / Asylanträgen zu verfahren ist. Dafür gibt es etwas anderes, und das finde ich bemerkenswert: Deutschland macht im Ausland Werbung dafür, herzukommen! Nicht nur der olle Gauck, der auf seinen Reisen allen erzählt, „kommt her, in Deutschland ist genug Platz“, nein, es gibt einen WERBEFILM in mehreren Sprachen, von der Bundesregierung höchstselbst produziert, der Ausländern eine rosa heile Welt verspricht, wo man ganz unkompliziert bei hübschen Frauen einen Asylantrag stellen kann und sich dann lauter nette Leute um einen kümmern und man in einer blitzsauberen heilen Welt versorgt wird. Der Film ist lupenreine Science-Fiction, nur dass in Science-Fiction-Filmen unter der Oberfläche von Paradiesen meist eine schreckliche Überraschung wartet, sonst wär’s ja langweilig.

Man fragt sich zu Recht: Was soll das?

Und man erinnert sich vielleicht.

Einige unserer Politiker, vorzugsweise Grüne, haben früher mal Sachen gesagt, von wegen, dass man Geld aus Deutschland herausleiten müsse und Ausländer herein, um das Volk zu verdünnen. Damals hat denSpinnern keiner Beachtung geschenkt, heute sitzen sie im Bundestag. Man kann davon halten, was man will, aber gesagt ist gesagt und es werden Werbefilmchen für Flüchtlinge produziert.

Die arabischen Nachbarländer nehmen übrigens keine Flüchtlinge auf. Nicht wenige, nein KEINE. NULL. Und schon vor Jahren wurde eine Agenda verkündet, dass man muslimische Flüchtlingsströme nach Europa leiten will, um die Islamisierung dort voranzutreiben. Ich glaube, dieser Bassam Tibi hat das geschrieben. Auch hier: Man kann als Erklärung dafür herholen, was man will, aber gesagt ist gesagt und alles nach Europa geleitet wird tatsächlich.

Es gibt auch ein paar Dinge, bei denen ich mir nicht sicher bin, die mich aber sehr ins Grübeln bringen. Zum Beispiel, dass jetzt mit erheblicher zeitlicher Verzögerung erst die Flucht aus Syrien einsetzt, nachdem sich herumgesprochen hat, dass Flüchtlinge aus Syrien praktisch immer und sofort anerkannt werden. Zugleich Berichte über syrische Passproduktion durch die IS, Handel mit syrischen Pässen … Der IS ist in der Lage, ECHTE syrische und irakische Pässe herstellen, denn er hat Städte erobert, wo Behörden solche ausgestellt haben.

Zurück zur ertrunkenen Familie. Zum Kind. Frei nach Stalin: Hunderttausend Tote sind eine Statistik, ein Toter ist eine Tragödie. Menschen funktionieren überwiegend emotionell. Totes Kind, wie schrecklich, wie grausam, dafür muss jetzt einer büßen!

Den Ball kann man aber zurückspielen.

Die Leute, die in den Booten kentern und ertrinken, sind im Prinzip direkte Opfer des finanziellen Anreizes. Der Sogwirkung. Der Mundpropaganda, der Gauck’schen Reden und des Werbefilmchens. Man könnte es also auch so formulieren, dass das Gutmenschentum dieses ertrunkene Kind getötet hat!

Ihr bösen, gottlosen Gutmenschen, ihr Scheiß-Arschlöcher, ihr! Totes Kind, totes Kind! Schuld, Schuld!

So herum wird ganz genau so ein Schuh daraus wie mit den herzlosen „Arschlöchern“, die sich nicht schuldig fühlen, wenn Eltern auf der Suche nach materieller Verbesserung auf ihrem Weg samt Kind sterben.

Gesetzt den Fall, meine Frau ist schwanger, liegt schon in der Klinik und ich beschließe, dass die Klinik nicht gut genug ist, und ich packe sie in mein Auto und fahre zu einer anderen Klinik. Ich rase, weil die Wehen schon einsetzen, und ich fahre gegen einen Baum. Soll sich dann die Klinik, zu der ich wollte, schuldig fühlen?

Die Debatte ist diesbezüglich schon lange aus dem Ruder. Menschen, die genau zu wissen glauben, was richtig und falsch ist, obwohl sie letztlich nur Informationen aus zweiter, dritter und vierter Hand nachplappern, sind emotionell hoch aufgeladen. Vielleicht auch aufgeladen worden?

Ich erinnere mich mal daran, wie ich 2013 oder 2014 mit meiner Tochter (damals 14) bei einem Freund und seinem Bruder zu Besuch war. Es kam im TV ein Bericht über diese gekenterten Boote. Ich meinte, ob es nicht besser wäre, diese Leute aus diesen Booten gar nicht mehr ins Land zu lassen, damit sich das herumspricht und sie gar nicht mehr erst in solche Boote steigen.

Ich wurde von meinen Freunden eine halbe Stunde lang angebrüllt. Ja, angebrüllt. Ich war alles: Arschloch, Nazi, Zyniker, Egoist usw. Sie waren der festen Überzeugung, dass diese Leute alle vor dem Verhungern fliehen und die Boote ihre einzige Rettung vor dem Hungertod seien. Und dass ich das befürworte, nur um meinen Reichtum mit niemandem teilen zu müssen.

Was für einen Reichtum eigentlich? Keiner von uns hat eine Immobilie, keiner von uns ein Einkommen über dem deutschen Existenzminimum, und keiner Geld auf dem Konto. Aber ich will nicht abschweifen.

Ich konnte meine Freund beruhigen und sie davon überzeugen, dass ich niemandem den Hungertod wünsche und es mir auch nicht darum geht, nicht teilen zu wollen. Dass ich einzig daran dachte, dass die doch jetzt sterben müssen und man sich etwas einfallen lassen muss, dass das aufhört. Wir konnten uns darauf einigen, dass ich mich mal informieren werde, woher diese Leute in den Booten kommen.

Später, auf dem Heimweg sagte meine Tochter: „Papa, ich wollte dir nur sagen: Ich habe gleich verstanden, was du meintest. Du wolltest halt nicht, dass die ertrinken. Ich fand deinen Vorschlag auch logisch. Und ich habe nicht kapiert, wieso man deswegen gleich rumbrüllen muss. Ich wollte auch was dazu sagen, hab mich dann aber nicht getraut. Ich dachte, wir werden gleich rausgeworfen.“

Von diesem Abend habe ich mich übrigens auf emotioneller Ebene nie richtig erholt, er vergiftet mein Verhältnis zu den Brüdern schleichend.

Durch die ganze Gesellschaft zieht sich inzwischen ein tiefer Graben. Jeder trohnt auf einem Berg von Emotionen und denkt, wie toll er ist. Aggressionen gegen Andersdenkende stauen sich auf, entladen sich. Spaltung nennt man das wohl.

Ein bisschen weniger Emotion und etwas mehr Ratio wären jetzt nicht verkehrt.

Aber ich weiß, ich rede da gegen eine Wand.

Nachtrag:

Es stellt sich inzwischen heraus, dass die ertrunkene Familie schon 2012 aus Syrien geflohen war und seit 3 Jahren in der Türkei lebte. Und Bekannte sagen, der Vater habe neue Zähne gewollt, aber das türkische Gesundheitssystem habe ihm diese nicht gewährt. Also wollte er dahin, wo er sie bekommen hätte.

Es ist alles offenbar NOCH beschissener als selbst ich Zynopessimist es mir je hätte erträumen lassen.

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2 Kommentare
  1. pragmatiker permalink

    Junge, ich weiss nicht wie du heisst und wo du wohnst, aber du könntest mein geistiger Zwillingsbruder sein. ich hab mir jetzt fast alles durchgelesen, was du seit April 2013 geschrieben hast und ich könnte jedes Wort von dir unterschreiben. Deine Gedanken und auch Deine Gefühle (zB diese emotional Abspaltung von Dir nahestehenden Menschen wg. verschiedener Ansichten über die Flüchtlingskrise). Das Gefühl nicht allein da zu stehen mit seiner Meinung und seiner Fassungslosigkeit macht mich in diesen Zeiten unglaublich glücklich.

    • Auch mich freut so eine Rückmeldung sehr. Der Blog hat dann in jedem Fall schon einen Sinn erfüllt, wenn er Leuten, die sich in ihrer Fassungslosigkeit allein gelassen fühlen, einen Trost gibt, und sei er auch noch so winzig.

      Mir selbst ist das Gefühl, nicht allein zu sein, auch wichtig. Wohl deshalb schreibe ich das alles auch hier zusammen, in der Hoffnung, dass mich da draußen jemand hören und mir antworten möge.

      Es passiert auch tatsächlich, wofür ich sehr dankbar bin. Ich bin der Ansicht, wir sollten uns gegenseitig suchen und finden. Vielleicht sind wir eines Tages ja auch genug, um auch etwas TUN zu können. Was auch immer das wäre.

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