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Warum man nicht „Religionswissenschaftler“ sein muss, um Religion kritisieren zu können

by - 23. August 2015

Interessant finde ich, dass sich Leute, die eine „Religionswissenschaft“ (Theologie bzw. „Islamwissenschaft“) studiert haben, sich aufgrund ihres größeren Detailwissens Menschen wie mir, die nur Ausschnitte kennen, überlegen fühlen. Oft sehe ich dasselbe mit Menschen bestimmter Religionen, die als „Insider“ vieles wissen, das ich nicht weiß.

Dieses Überlegenheitsgefühl ist jedoch Fehl am Platz, denn alles, was sie zusätzlich zu dem wissen, was ich über ihren Glauben weiß, ist völlig irrelevant. Es reicht, die Basis ihres Glaubens zu kennen, und mit Logik und Verstand zu begreifen, dass wenn die Basis eines reichhaltigen Wissens Bockmist mit Hühnerkacke ist, alles, was darauf aufbaut, argumentativ nicht mehr von Bedeutung sein kann. Deswegen setze ich Begriffe wie „Religionswissenschaft“ und „Islamwissenschaft“ konsequent in Anführungszeichen. Ähnlich wie Astrologie und noch einige andere Fächer sind das keine Wissenschaften, es sind Pseudowissenschaften, denen es sowohl an Freiheit und Ergebnisoffenheit komplett fehlt, wie auch die Methoden überaus unempirisch sind.

Das können die Damen und Herren „Wissenschaftler“ nun entweder begreifen oder nicht. Meistens tun sie es wohl eher nicht, denn es fehlt ihnen an Abstraktion und Transferdenken. Vielleicht nicht grundsätzlich die Fähigkeit, sondern nur der Wille, aber es läuft aufs gleiche Endergebnis hinaus.

Gegeben sei ein heiliges Buch, in dem steht:

1. Alles, was in diesem Buch ist wahr und darf nicht abgeändert werden. Es darf nichts weggelassen oder hinzugefügt werden.

2. Wer das nicht glaubt, soll umgebracht werden.

3. Trage Tag und Nacht eine runenverzierte Haube aus Aluminium, sie schützt dich vor den Einflüssen der Dämonen und vor dem Abfall vom Glauben.

4. Alle Bayern haben lange spitze Ohren, die sie mit Hüten verdecken, um nicht als Bayern erkannt zu werden.

5. Alle Bayern sind Dämonen und müssen getötet werden.

Und dann folgen noch 2000 Punkte.

Die muss (und will) ich dann gar nicht mehr lesen, weil diese fünf Punkte völlig ausreichend sind, um sagen zu können, dass wir es hier mit Unsinn zu tun haben, der – wenn ihn eine verirrte Seele auch noch glaubt – verdammt gefährlich ist.

Es gibt einfach nicht mehr dazu zu sagen, als dass das Unsinn und auch noch gefährlich ist. Wer das nicht nachvollziehen kann, der ist zur Abstraktion und zum Transferdenken unfähig, egal wieviele Studienabschlüsse er vorweisen kann. Das ist schnell gesagt und dann ist da der Deckel drauf.

Und selbst wenn in den restlichen 2000 Punkten die Ableitung der Relativitätstheorie und die von Hawking gesuchte Weltformel stünden, wären Punkt 1 bis 5 inakzeptabel.

Wenn es dann Gläubige gibt, die sagen, man könne sich ja selektiv das rauspicken, was wissenschaftlich nützlich und für einen gut ist, dann ist das zunächst mal ein akzeptabler Schritt. Die Frage ist dann, nach welchen Kriterien? Denn diese Kriterien müssen dann ja zwangsweise außerhalb des heiligen Buches liegen. Das Buch selbst gibt diese Vorgehensweise nicht her, im Gegenteil, siehe Punkt 1. Wenn man das missachtet, kann man das Buch in seiner Gesamtheit nicht mehr als göttlich und heilig ansehen.

Und hier zeigt sich in der Praxis, dass die Gläubigen es nicht akzeptieren können, weiter an der Heiligkeit und Göttlichkeit des Buches festhalten, und letztlich eben deswegen auch kein logisch akzeptables Kriterium dafür entwickeln können, was sie sich rauspicken und was sie verwerfen. Es ist alles vollkommen willkürlich. Und selbstverständlich landet dann in ihrem „Warenkorb“ massenhaft Schwachsinn.

Und nun das Entscheidende: „Moderate Gläubige“, in deren Warenkorb zufällig (ja, zufällig!) die Punkte fehlen, die zu Gewalt aufrufen, unterscheiden sich in ihrer fehlenden Abstraktionsfähigkeit und in ihrem fehlenden Transferdenken in keinster Weise von den „bösen“ Gläubigen! Deswegen lehne ich auch den moderaten Glauben ab, sowohl in philosophischer als auch ethischer Hinsicht. Denn wenn sich die Moderaten immer noch darin einig sind, dass ein Buch mit Gewaltaufrufen im Ganzen durchaus göttlich und heilig ist, und man sich nur einig werden muss, welche Punkte gültig sind und welche nicht, und das Ergebnis reiner Zufall ist und auch von jedem völlig legitim neu in Frage gestellt werden kann, dann ist das wie Russisch Roulette! Ich will kein Russisch Roulette spielen! Ich lehne dieses Buch als Gesamtpaket ab und wer das nicht kapiert, der besitzt keine Abstraktionsfähigkeit und kein Transferdenken!

Die Praxis gibt mir übrigens recht. Der Glaube erweist sich am Ende immer als Nährboden für Gewalt. (siehe auch diesen Artikel)

Und wenn es trotzdem eine seit Jahrtausenden bestehende große – gar wachsende – Schar von Gläubigen gibt, kann ich nicht darauf vertrauen, dass sich das Phänomen irgendwann von selbst erledigt, weil der Blödsinn offensichtlich ist, denn offenbar ist der Blödsinn für diese Menschen NICHT offensichtlich. Ich muss akzeptieren, dass die Mehrzahl der Menschen zur Abstraktion und zum Transferdenken unfähig ist, und ich muss mit anpacken, um diesen gefährlichen Unsinn zu stoppen und dafür zu sorgen, dass NIEMAND mehr daran glaubt, dass so ein Buch göttliche Wahrheit sei.

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From → Philosophie, Religion

2 Kommentare
  1. Hallo Querdenker,

    zwar habe ich durchaus auch religionskritische Tendenzen. Allerdings gehe ich da weniger „emotional“ dran, denke ich. Daher die Frage: Woher kommt deine große Wut gegenüber der Religion?

    Außerdem interessiert mich noch: Welchen Maßstab für Wissenschaftlichkeit hast du? Du hast ja einige Disziplinen als „Pseudowissenschaft“ bezeichnet. Welche Kriterien legst du da an?

    Und zuletzt: Hast du schon etwas zu deiner Begründung von Ethik geschrieben? Da du mehrmals normative Dinge angedeutet hast, z.B. dass du gegen „Gewalt“ bist, würde mich interessieren: Was ist dort dein Maßstab für? (sicher ja nicht „Gott“ 🙂 )

    Vielen Dank jedenfalls für den Beitrag.

    Grüße,
    Phil

    • Danke für den Kommentar. Ich will versuchen, zu antworten.

      „Woher kommt deine große Wut gegenüber der Religion?“

      Deswegen: “ Der Glaube erweist sich am Ende immer als Nährboden für Gewalt.“ (siehe oben)

      „Da du mehrmals normative Dinge angedeutet hast, z.B. dass du gegen “Gewalt” bist, würde mich interessieren: Was ist dort dein Maßstab für?“

      Ich denke, dass wir Menschen irgendwie miteinander auskommen müssen, und wenn wir Gewalt gutheißen, werden wir auch selbst mit höherer Wahrscheinlichkeit eines Tages Gewalt erfahren. Gewalt ist nur toll für den Stärkeren, aber jeder Mensch ist irgendwann einmal in einer Situation der Schwächere.

      Dass dieses Argument bei Wikingern und fanatischen Muslimen nicht greift, weil die ganz scharf auf Gewalt und den eigenen Tod durch Gewalt sind, ist mir bewusst.

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