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Rassismus

by - 19. April 2015

Gleich zur Klarstellung: Ich bin kein Rassist. In keinem Sinne der Definition. Obwohl … Der Begriff wird von manchen Menschen inzwischen dermaßen weit gefasst, dass praktisch jeder ein Rassist ist, wenn man will. Dann bin ich es doch.
Warum stelle ich es überhaupt klar, dass ich kein Rassist bin? Ich stelle ja auch nicht klar, dass ich keine Kinderpornografie heruntergeladen habe, ich stelle nicht klar, dass ich noch nie jemanden ermordet habe. Nun, ich tue es, weil man heute schnell unter den Verdacht gerät, einer zu sein. Anno 1620 hätte ich vielleicht am Anfang meiner Schrift klargestellt, dass ich kein Hexer bin und Satan ablehne. Eben weil man ja nie weiß, ob nicht eine wichtige Person ebensolches aus meinen Worten herausinterpretiert und mich an die Inquisition verpetzt.

Wie auch immer, klären wir kurz, was Rassismus ist. Aber keine Angst, es geht mir nicht um Definitionsstreitigkeiten, ich habe vielmehr ein paar Quergedanken zum Thema.

Rassismus ist für mich in erster Linie eine ethische Bezeichnung, keine wissenschaftliche. Das muss aber nicht jeder so sehen. Wenn ich einen Schwarzen aufgrund von Studien für grundsätzlich dümmer halten würde als einen Weißen, wäre ich ein Rassist im Sinne, dass ich an eine Korrelation von Hautfarbe und Intelligenz glaube. Zugleich wäre das allein noch nichts Verwerfliches oder überhaupt ethisch-moralisch Wertbares, denn das sagt noch nichts darüber aus, wie ich Schwarze und Weiße behandle. Wenn ich beiden dieselben Chancen im Leben zugestehe und das gleiche Recht auf Leben und die Teilhabe an den Gütern des Lebens – kurzum, wenn ich sie gleich behandle – kann man mir nichts vorwerfen.
Sollte man meinen.
Der Reflex, Rassismus abzulehnen, sitzt bei den meisten Menschen so tief, dass sie diese Differenzierung nicht vornehmen. Ob sie es nicht können oder wollen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist jemand, der auch nur ansatzweise durchblicken lässt, dass er an rassetypische Unterschiede glaubt, die über das reine Aussehen hinausgehen, sehr schnell der Hexerei verdächtig.

Seit einiger Zeit versuchen manche Leute, den Begriff Rassismus auch auf andere Dinge auszudehnen. So gilt man, wenn man Menschen aus einem bestimmten Kulturkreis benachteiligt, als Rassist. Oder Menschen mit einer bestimmten Weltanschauung. Damit verliert der Rassismus jede Bedeutung und wird zu einer beliebig anwendbaren Floskel. Möglicherweise ist aber genau das das Ziel der Begriffsverwirrer. Jeder, der irgendetwas ablehnt, soll als Hexer angeklagt werden können.

Ich erinnere mich daran, wie in meiner Schulzeit einmal irgendetwas gewesen ist, wo für Mädchen und Jungen unterschiedliche Regeln galten. Ich weiß nicht mehr, was es war, ich weiß nur noch, dass ich das scherzhaft als Rassismus bezeichnet habe und mich dann von jenen, die den Witz nicht verstanden hatten, belehren lassen musste, dass Geschlechter keine Rasse sind. Heute muss ich Leute darüber belehren, dass zum Beispiel der Islam keine Rasse ist, während das Phänomen der Geschlechterdiskriminierung nach wie vor nicht als Rassismus bezeichnet wird, da redet man von Sexismus.

Die Angst, als Rassist zu gelten, sitzt so tief, dass viele Menschen dazu übergegangen sind, andere Menschen, die irgendein auffälliges Merkmal tragen, nicht nur gleichberechtigt zu behandeln sondern sogar besser. Wobei die Behandlung sich zumeist auf die verbale Behandlung erstreckt, da es in unserem Kulturkreis dem gesprochenen (oder geschriebenen) Wort bisweilen größere Bedeutung zukommt als Fakten oder Taten. Wenn wir also in Stellenanzeigen lesen, dass Frauen oder Schwerbehinderte bevorzugt werden sollen, dann muss das noch lange nicht wirklich so sein. Aber dies nur nebenbei.

Interessant ist nun, zu beobachten, dass auch und gerade die feurigsten Rassismusgegner selbst rassistisches Gedankengut in sich tragen, ohne es zu bemerken. Denn in ihrem Bemühen darum, bestimmte Gruppierungen zu privilegieren – aus ihrer Sicht natürlich nur, um deren Benachteiligungen auszugleichen – betrachten sie diese Gruppierungen mehr oder weniger unbewusst als minderwertig und unfähig, ohne solche Privilegien auszukommen. Die Frauenquote ist ein Beispiel. Aber gut, suchen wir uns ein anderes Beispiel, denn das ist ja Sexismus, kein Rassismus.

Wenn ein Weißer eine Wohnung an einen anderen Weißen vermietet statt an einen gleichzeitig interessierten Schwarzen, riecht das für viele Menschen bereits nach Rassismus. Umgekehrt stören sich sehr viel weniger Menschen daran, wenn ein Schwarzer die Wohnung nicht an einen Weißen vermietet. Und das liegt meiner Ansicht nach daran, dass der Weiße gegenüber dem Schwarzen als etwas Besseres, Höheres empfunden wird, der deswegen auch eine Fürsorgepflicht hat. Die im umgekehrten Fall nicht besteht.

Ein anderes Beispiel habe ich in diesem Artikel.

Vielleicht ist es mit dem Rassismus ja ein wenig so wie mit der Homophobie. Der Kampf gegen die Diskriminierung ist zugleich ein Kampf gegen die eigene dunkle Seite. Ein altes Sprichwort sagt: „Wie der Schelm denkt, so ist er selber“. Eins der wichtigsten und wahrsten Aphorismen der Menschheit.

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From → Politik

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