Skip to content

Religion als biologische Eigenschaft

by - 21. März 2015

Religion ist ein sehr spezielles menschliches Etwas. 95% aller Menschen müssen an irgendetwas Irrationales glauben, sie können gar nicht anders.

Ich präzisiere: 95% aller Menschen fühlen sich nicht wohl, wenn sie nicht Teil einer Gemeinschaft sind, die im Besitz „der Wahrheit“ ist. Der Inhalt dieser Wahrheit ist egal, es kommt auf die Gemeinschaft an. Und vielleicht noch darauf, dass diese Gemeinschaft sich gegen Nichtgläubige abgrenzt. Mit Regeln, Ritualen, Tabus. Und vielleicht sogar durch einen Konflikt mit Nichtgläubigen. Durch Bekehrung (vom Gläubigen als Aufklärung empfunden) oder Kampf.

95% sind nur so eine Schätzung aus dem Bauch heraus. Es könnten auch 100% sein. Ich bin mir bei mir selbst oft nicht sicher, wohin ich gehöre. Ich bin Atheist bzw. Agnostiker und mein Glaube sagt, dass keiner die Wahrheit besitzt, aber das ist ja auch wieder eine „Wahrheit“, wenn man es genau nimmt. – Nun ja, es gibt schon einen bedeutenden Unterschied zwischen meinen Glauben und einer typischen Religion, aber darüber philosophiere ich an anderer Stelle.

Wie auch immer, ich argumentiere vom agnostischen Standpunkt aus, und der sagt, dass alle Religionen Blödsinn sind. Betrug, wenn man es böse formulieren will. Betrug, auf den seit Jahrtausenden Milliarden Menschen hereinfallen. Und selbst zu Betrügern werden, indem sie den Betrug an ihre Kinder und Schüler weitergeben.

Aber diese Menschen sind nicht dumm. Im Gegenteil, religiöse Menschen erreichen ebenso akademische Titel wie nichtreligiöse.

Das anschaulichste Beispiel für so ein Paradoxon ist der Theologe. Hochintelligent, hochgebildet, und durchaus in der Lage, wissenschaftlich zu arbeiten und zu argumentieren. Aber rede mit einem Theologen über seine Religion, und er wird die ihm bekannten und von ihm akzeptierten wissenschaftlichen und rationalen Maßstäbe auf seine Religion nicht anwenden. Du wirst – sofern du lange genug mit ihm reden kannst – den Eindruck einer gespaltenen Persönlichkeit bekommen.

Ich bin mir sicher, das ist evolutionsbedingt. Stämme mit einer Religion hatten früher einen Evolutionsvorteil. Sowohl in der Selbstorganisation (mit Religion kann man besser staatenartige Strukturen zusammenhalten – ohne Religion macht schnell jeder, was er will) als auch im Konflikt mit den Nachbarstämmen (mit Religion ist der Krieger gehorsamer und im Kampf mutiger).

Religion ist etwas, das sich parallel zur Intelligenz entwickelt hat. Ohne Intelligenz ist eine Religion gar nicht möglich. Tiere haben keine Religion.

Wir sind jetzt im 21. Jahrhundert. Wir sind zum Mond geflogen, haben Atome gespalten, den Computer erfunden und noch viele andere tolle Dinge. Wir Menschen sind sehr intelligent. Und wir benötigen heute viele unserer biologischen Eigenschaften nicht mehr. Wir brauchen kein Fell, weil wir beheizte Häuser und Kleidung haben. Wir wollen auch gar kein Fell mehr haben, es ist lästig geworden, unästhetisch, wir rasieren uns und kaufen Enthaarungscreme.

Wie sieht es mit der Religion aus? Ist sie auch ein Überbleibsel, auf das wir verzichten können? Und wollen? Die Frage scheint auf den ersten Blick sehr einfach zu beantworten. Nicht nur auf dem Gebiet der Technik, auch in der Philosophie haben wir Fortschritte gemacht. Sie sind nicht so anschaulich wie die Mondrakete, aber vorhanden. Wir haben Dinge wie Ethik, Erkenntnistheorie, Menschenrechte, Demokratie, Toleranz und Meinungsfreiheit etabliert. Das ging einher mit einer Emanzipation vom Klerus. Religion scheint heute tatsächlich entbehrlich zu sein, sie schafft heutzutage mehr Probleme als sie löst, die Welt ist gebeutelt von Konflikten mit religiöser Ursache.

Aber die Praxis zeigt, dass alle praktischen Versuche, aufgeklärte religionslose Gesellschaften zu etablieren, scheitern. Anders als in der Welt der Technik, wo einmal gewonnener Fortschritt nicht mehr verloren geht, ist die Entwicklung menschlichen Sozialverhaltens ein ständiges Auf und Ab. Hier können bereits erlangte Fortschritte sehr wohl wieder rückabgewickelt werden. Und Länder, die bereits säkular waren und sich von der Religion loszusagen begannen, erlitten ganz besonders im 20. Jahrhundert unrühmliche Rückfälle. Und weitere stehen im 21. Jahrhundert an, in die Rückständigkeit zu folgen.

Die Intelligenz hat uns zu Herren über Natur und Technik gemacht, aber nicht zu Herren über uns selbst. Schopenhauers Ausspruch, der Mensch könne tun, was er will, aber er könne nicht wollen, was er will, fasst diese Auffassung pointiert zusammen.

Ich denke, mit der Religion müssen wir noch eine Weile zurechtkommen. So ein, zwei Millionen Jahre, grob geschätzt.

Advertisements

From → Philosophie, Religion

5 Kommentare
  1. Sehr kluger und intelligenter Text über ein spannendes Thema 😉
    LG Christopher

  2. LG Heidi permalink

    Intelligenz beschränkt den Geist, wenn man sich dieser unterwirft.
    Der Glaube an die Größe der Macht von Intelligenz ist in meinen Augen, ein sehr unvollkommener Glaube.

Trackbacks & Pingbacks

  1. Religion vs Menschenrechte | Querdenker
  2. Gedankensplitter: Religion abschaffen | Querdenker
  3. Warum man nicht “Religionswissenschaftler” sein muss, um Religion kritisieren zu können | Querdenker

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: