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Offenes und geschlossenes Weltbild

by - 25. Dezember 2014

Ich stelle immer wieder fest, dass selbst hochintelligente Menschen ihre hochintelligenten Maßstäbe nicht anzuwenden bereit sind, wenn es um Glaubensfragen geht. Logik, Vernunft, Empirie – sie verlieren ihre Gültigkeit. Es ist, als würden hochintelligente gläubige Menschen zwei Persönlichkeiten besitzen, zwischen denen sie beliebig hin- und herschalten können.
Mit Glaubensfragen meine ich nicht nur Religion, obwohl das Mißverhältnis hier am deutlichsten zutage tritt (z.B. bei Theologen). Es ist auch jeder Religionsersatz damit gemeint, wie Kommunismus, Nationalsozialismus, Gender-Mainstreaming – kurzum Ideologien, die von Fakten und der Wirklichkeit widerlegt werden, was aber ihre Anhänger nicht die Bohne interessiert.
Wie schon im Artikel über Religon im 21. Jahrhundert geschrieben, ist das ein genetischer Makel. Religion bzw. der Hang zum Glauben an irgendwas gehören zum Wesen des Homo sapiens.

Wenn jemand seinen Glauben gefunden hat und ihn mit Zähnen und Klauen gegen Fakten und Vernunft verteidigt, sprechen wir von einem geschlossenen Weltbild.

Das Gegenteil ist also das offene Weltbild. Und für ein offenes Weltbild bedarf es eines offenen Menschen. Eines offenen Geistes. Und so ein jemand bin ich selbst.

Offen bedeutet, ich höre jedem zu und validiere seine Argumente mit denselben Maßstäben von Logik und Vernunft. Die, die nicht offen sind, reklamieren zwar oft auch für sich, offen zu sein, validieren aber „feindliche“ Argumente NICHT mit denselben Maßstäben wie „freundliche“. Feindlich bedeutet hier, einen wichtigen Glaubensinhalt in Frage zu stellen.

Dass ich offen bin, heißt nicht, dass ich keine feindlichen Meinungen kennen würde. Ich bin ein Mensch und kein Robotercomputer. Es fühlt sich mies an, wenn etwas sicher Geglaubtes in Frage gestellt wird, und der Impuls, es zu verteidigen, ist sehr sehr mächtig. Ich kenne das. Bei mir ist jedoch der Wunsch nach Wahrheit und Widerspruchsfreiheit stärker als dieser Impuls. Wenn mir jemand meine Meinung auf Basis von Logik und Vernunft zerlegen kann, werde ich sie ändern. Habe ich auch schon oft getan. Deshalb bin ich offen. Ich habe dieses Prinzip von der modernen Wissenschaftstheorie.

Offen bedeutet nicht, dass jeder dahergelaufene Depp mein Weltbild zerlegen kann. Um 46 Jahre Vernunft und Lebenserfahrung auszuhebeln, bedarf es schon einer ganz gehörigen Portion Geisteskraft – und vor allem bedarf es neuer Argumente, die ich nicht schon hundertfach gehört und validiert habe. Wenn ich sage, dass ich offen bin, versuchen viele, mir ihr geschlossenes Weltbild zu erklären, und wenn ich es dann ablehne, weil ich das schon kenne oder die Lücken in der Logik sehe, sagen sie, ich sei genau so „betonköpfig“, wie ich es anderen vorwerfen würde.

Die, die nicht offen sind, geben es natürlich nicht zu, dass sie nicht offen sind, denn das ist selbst ein „feindlicher“ Gedanke und wird daher abgewehrt.

Kann man irgendwie objektiv feststellen, ob jemand offen oder geschlossen ist? Ja, das kann man. Das ist sehr einfach. Wenn jemand Logik als Schiedsrichter akzeptiert, aber einen logischen Schluss ablehnt, das sein Weltbild stören würde, misst er mit zweierlei Maß und kann somit nicht offen sein.
In der Praxis hat das allerdings wenig Relevanz, denn wer die Logik ablehnt, wird auch nicht zugeben, dass er sie ablehnt. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, womit man einem geschlossenen Menschen klarmachen könnte, dass er auf dem Holzweg ist. Unzählige Diskussionen mit Zeugen Jehovas in meiner Jugend haben dazu das praktische Anschauungsmaterial geliefert.
Manche Diskussionen mit geschlossenen Menschen erinnerten mich an eine Diskussion mit einem Blinden, der behauptet, er könne sehen und dabei ständig gegen ein Hindernis rennt. Und noch schlimmer: Der trotz allem noch behauptet, ICH sei blind und renne gegen Hindernisse. – Aber es ist verständlich, denn es ist ja nicht einfach nur seine Meinung, es ist genetisch in ihm verankert, sich so zu verhalten!

Man kann mit einem geschlossenen Menschen nicht diskutieren, aber man kann es versuchen. Es ist immerhin gut, seine eigene Argumentationsfähigkeit zu schulen. Und hin und wieder findet man doch einen Hintereingang in seine Vernunft. Allerdings kann man das nicht planen. Entweder man findet oder man findet nicht.

Auf religiösem Gebiet führt Offenheit meiner Meinung nach unweigerlich zum Agnostizimus.

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From → Philosophie

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