Skip to content

Der säkulare Staat ist atheistisch

by - 18. September 2014

Wir sind (nicht ganz zu Unrecht) stolz auf die Errungenschaften der Aufklärung, und die Trennung von Staat und Religion erscheint uns als einzig richtige Art, mit Religion umzugehen. Gleichzeitig wird die Religionsfreiheit als ein Menschenrecht angesehen. Gemeint ist damit, dass jeder an das glauben darf, was er will. Dieses Denkmodell hat eine Zeit lang ganz gut funktioniert, und zwar so lange, wie die Mitglieder unserer Gesellschaft ungefähr an das Gleiche glaubten. Wir Europäer sind so gut wie alle christlich geprägt, auch wer aus der Kirche ausgetreten ist, ist das. Zugleich stehen in unserer Werteskala die sogenannten Menschenrechte ganz oben, und zwar höher als die Religionen. Bzw. steht die christliche Religion dazu seit geraumer Zeit nicht mehr im Widerspruch. Kurzum, wir haben einen gemeinsamen kulturellen Nenner, wo die Inanspruchnahme der Religionsfreiheit unauffällig vonstatten geht, weil größere Abweichungen nicht existieren.
Viele Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen bleiben ebenfalls unauffällig, wenn sie Buddhismus, Hinduismus etc. praktizieren, da ihre Religion – egal wie andersartig sie sein mag – mit den Menschenrechten nicht kollidiert.
Die muslimischen Zuwanderer allerdings stellen unser Denkmodell auf eine Zerreißprobe, da ihre Religion Demokratie und Menschenrechte nicht respektiert bzw. Allahs Willen über diese Rechte stellt. Eine Zerreißprobe, der dieses Modell nicht gewachsen ist, wenn wir es nicht überdenken.

Ich muss ein wenig ausholen. Das beginnt mit dem Begriff der Religion. Religion ist definitionsgemäß der Glaube an eine personifizierte metaphysische Macht, in der Regel ein Gott oder Götter, seltener Geister o.Ä. Viele Menschen haben einen solchen Glauben nicht. Das heißt aber nicht, dass sie an nichts glauben. Auch Atheismus ist ein Glaube, nämlich dass es keinen Gott gibt. Manche glauben an den Kommunismus, an die Wissenschaft, an Außerirdische, an die Macht der Liebe. Kein Mensch glaubt an gar nichts, so etwas ist gar nicht möglich.
Und nun ist es so, dass der Glaube eines Menschen in direktem Zusammenhang mit seinem Wertsystem steht. Was auch immer jemand glaubt, es beeinflusst sein Denken und Handeln. Entsprechend ist Glaube von Politik gar nicht trennbar, selbst wenn wir es uns noch so wünschen. Unsere eigene politische Einstellung wird von unserem Glauben bestimmt. Wenn wir an den Klimawandel glauben, werden wir gegen den CO2-Ausstoß sein. Wenn wir nicht daran glauben, werden wir die CO2-Gegner als Idioten bekämpfen. Wer glaubt, dass auch Tiere Rechte haben, ist gegen Tierversuche. Usw. Ich denke, es sollte klar sein, was ich meine.
Eine Staatsform, die die Ausübung aller Religionen gleichberechtigt erlaubt (solange sie nicht mit Menschenrechten kollidieren), ist nicht denkbar, wenn die Mehrheit der Menschen christlich oder muslimisch ist, denn diese beiden Religionen missionieren und dulden keine Konkurrenz.
Nun ist der Geist der europäischen Moderne auch längst nicht mehr christlich, sondern atheistisch-humanistisch. Meinetwegen nicht atheistisch, sondern nur agnostisch, allerdings ist dieser Unterschied rein akademisch. Agnostisch bedeutet, dass man sich nicht festlegt, ob es Gott gibt oder nicht, und solange diese Frage nicht geklärt ist, spielen Gott und Religion im Alltag keine Rolle. Agnostizimus und Atheismus unterscheiden sich in der praktischen Ausübung nicht.
Toleranz gegenüber anderen Religionen findet sich auch im Buddhismus und im Hinduismus und anderen Religionen, aber einzig der Atheist will Religion generell und in jeder Form aus der Politik verbannen. Ein Christ will christliche Politik machen, ein Muslim muslimische, ein Buddhist buddhistische.
Aber wie gesagt: Jeder glaubt an irgendwas. Woran glauben also die europäischen Atheisten? Nun, zunächst mal daran, dass Religion Unfug ist. Außerdem an die empirische Wissenschaft. Und daran, dass Frieden besser ist als Krieg. Und dass es am schönsten ist, wenn es allen Menschen gut geht. Die zweite Komponente der europäischen Moderne ist entsprechend die humanistische. Das ist die Sache mit den Menschenrechten. Folter und Todesstrafe sind Bäh, die Würde des Menschen soll unantastbar sein, usw. Das entspringt der Philosophie Kants, falls es einen interessiert. Nicht nur seiner, aber er hat seinen Stempel am tiefsten aufgedrückt.

Religionsfreiheit für jedermann, was der moderne Europäer in seinen Menschenrechten bzw. Verfassungen vor einigen Dekaden verankert hat, ist zugleich Ausdruck einer gewissen Arroganz. Religion wurde nicht mehr als Bedrohung angesehen. Zumal ihr durch die Unterordnung unter die Menschenrechte die Macht genommen worden war. Nichtsdestotrotz: Ob eine Religion gut ist oder schlecht, messen wir heutzutage daran, ob sie mit unseren atheistisch-humanistischen Werten kompatibel ist: Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung, sexuelle Selbstbestimmung usw. Menschen, die „Gottes Wort“ über diese Werte stellen, gelten als Spinner. Menschen, die „Gottes Wort“ über die empirische Wissenschaft stellen, gelten als Spinner.
Das Christentum hat lange herumgezickt, bis es sich dieser Ordnung unterwarf. Ein bisschen zickt es immer noch. Und in den USA (die kulturell nun mal auch zu Europa gehören) zickt es ganz gewaltig und will seinen Einfluss auf Sexualgesetze und den Schulunterricht (Evolution!) zurückerobern. Aber im Wesentlichen ist die Macht des Christentums, womit vor allem die Kirchen gemeint sind, gebrochen. Zwar haben die Kirchen immer noch ein paar Sonderrechte, aber sie haben sich z.B. dem atheistisch-humanistischen Arbeitsrecht unterwerfen müssen. Sie können keine Angstellten mehr kündigen, weil sie die falsche Religion haben oder sich nicht religionskonform verhalten. Vor noch gar nicht so vielen Jahren war das ganz normal.
Die Freiheiten und Rechte des Bürgers wurden eine Zeit lang stark ausgeweitet. Zum Teil wurde die Leine vielleicht etwas zu lang gelassen, man denke an psychisch defekte Straftäter, die man immer wieder zu „resozialisieren“ versucht, und die immer wieder freigelassen werden, nur um wieder straffällig zu werden. Aber dies soll nicht das Thema sein. Es geht um Religion.
Was ich sagen will: Es gibt keinen Staat ohne Staatsreligion. Es gibt keinen Staat, in dem nicht ein bestimmter Glaube über allen anderen Glauben steht. Und in Europa ist es nun mal der Atheismus. Der atheistische Humanismus. Der ist die dominante Glaubensform unserer modernen westlichen Welt. Ich als atheistischer Humanist finde das natürlich wunderbar so. Aber ich möchte auch die Anhänger anderer Glaubensrichtungen, die damit nicht so recht zufrieden sind, darauf aufmerksam machen, dass es noch nie so vielen Menschen so gut ging wie unter diesem Banner. Selbst wenn wir die aktuellen hundeelenden Entwicklungen in Politik und Wirtschaft berücksichtigen.

Advertisements

From → Politik, Religion

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: