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Arbeitslosigkeit vs Sozialstaat

by - 18. Mai 2014

Es ist richtig, dass es mit ALG2 (und Sozialhilfe) in Deutschland eine soziale Grundsicherung gibt, und man sich lebenslang vom Staat versorgen lassen kann, ohne je etwas an die Gesellschaft zurückgeben zu müssen. Sieht man nur diese Seite der Medaille, ist der Hartz-4-Empfänger ein Schmarotzer. Akif Pirincci schlug in seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ vor, alle staatlichen Sozialleistungen einfach zu nullen und die Einkommenslosen bei ihren Familien einzuquartieren. Die wären dann einerseits gezwungen, eine Lösung zu finden, andererseits würden die Familienbande gestärkt.
Es gibt aber auch eine andere Seite der Medaille, und die lautet, dass Menschen zumeist nicht freiwillig arbeitslos sind. Ein großer Teil des Ichs in unserer Kultur definiert sich über die Arbeit und die Glücksforschung besagt, dass Arbeitslosigkeit ein ganz wesentlicher Faktor für dauerhaftes Unglücklichsein ist. Es gibt nur leider nicht genug Arbeit für alle. Und für die Arbeit, die es gibt, sind die Arbeitslosen oft nicht qualifiziert. Sie ihrem Schicksal in Armut zu überlassen, wäre eine doppelte Strafe. Ungerecht. Sieht man nur diese Seite der Medaille, fordert man das bedingunglose Grundeinkommen.
Eine dritte Position folgt einem komplett anderen Ansatz. Da Maschinen die menschliche Arbeitskraft immer überflüssiger machen, ist absehbar, dass irgendwann kein Mensch mehr arbeiten muss, uund vielleicht sollten wir uns dagegen nicht wehren, sondern uns im Gegenteil darauf freuen. Nur auf eine gerechte Verteilung der Güter muss geachtet werden. Wie auch immer die aussehen mag.
Alle drei Ansätze sind unverwirklicht, also Utopien. Der momentane Istzustand ist der, dass es wirtschaftlich drei Arten von Menschen gibt: Typ 1 lebt von ALG2. Typ 2 arbeitet. Typ 3 lebt vom bestehenden Vermögen, wird immer reicher und besitzt die wahre Macht im Land. Dass das ungerecht und ändernswert ist, darin stimmen die meisten sicher überein. Es ist keine Notwendigkeit für den Status Quo ersichtlich, er scheint ein historischer Zufall zu sein. Aber was sei die Lösung?
Das weiß man wohl erst, wenn man sie ausprobiert hat.

Folgt man Pirinccis Vorschlag, könnte das tatsächlich dazu führen, dass die Eigenverantwortung der Menschen gestärkt wird, und sie unter dem Druck der drohenden oder manifesten Armut Lösungen finden, die Güter und die Arbeit gerecht zu verteilen. Vielleicht sogar in Form einer Revolution, die umso wahrscheinlicher ist, je leerer der Magen ist. Andreas Popp zufolge sind die Lebensmittel momentan deswegen so billig, weil ein voller Bauch nicht demonstrieren geht.
Das Experiment könnte auch nach hinten losgehen. Anstelle dass die Menschen sich neu erfinden, verelenden sie einfach. Die Lebensqualität sinkt noch weiter, die Gesundheit ebenso, die Städte verslummen, die Sterberate erhöht sich. Depressionen, Selbstmorde und Kriminalität werden zur Alltagsnormalität. Über den Mechanismus der verminderten Kaufkraft krepiert vielleicht auch die Volkswirtschaft und dann gibt es das Elend für alle. Gute Gründe, so ein Experiment nicht zu wagen.

Ist das Gegenteil gut? Bedingungsloses Grundeinkommen, über das man sich einen mittelständischen Lebensstandard leisten kann, auch wenn man nicht arbeitet? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich maße mir nicht an, meine Mitmenschen gut genug zu kennen. Ich weiß noch nicht einmal genau, wie ich selbst mich in so einer Situation verhalten würde. Würde ich ohne Einkommensdruck immer noch arbeiten wollen oder würde ich irgendwann den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und mich nur noch mit meinen Hobbys beschäftigen? Wenn das außer mir noch genügend andere so sehen, bricht die Vokswirtschaft zusammen, und es ist vorbei mit dem Wohlstand. Ich weiß es nicht. Ich würde so ein Experiment nicht wagen wollen, wenn ich die Regierung wäre.

Und was ist, wenn für die Erhaltung des Wohlstandes niemand mehr arbeiten müsste? Momentan ist das noch lange nicht der Fall, aber in meiner Phantasie kann ich mir eine Menge vorstellen. Und ich gebe zu, dass mir dieser Zustand auch nicht so recht behagt. Ohne eine Beschäftigung, das weiß ich, werde ich beginnen, mich zu langweilen. Gut, man kann sich ja noch anders beschäftigen als mit produktiver Arbeit. Aber ist sie erfüllend? Kann eine Beschäftigung, die keinen Sinn hat, erfüllend sein? Ich weiß es nicht.

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From → Philosophie, Politik

2 Kommentare
  1. Eine gute Zusammenfassung, die in eine interessante Fragestellung mündet, auf die ich mal kurz eingehen möchte.

    Erstmal ist es problematisch zu sagen, Arbeit mache glücklich, wenn man die Arbeitsbedingungen nicht berücksichtigt. Arbeit, die allein aus eigenem Willen heraus stattfindet, macht glücklich, bei anderen Arbeiten können aber noch Folgeerscheinungen der Arbeit auch zum persönlichen Glück führen, wie z.B. hoher Verdienst, gesellschaftliche Anerkennung und dergleichen mehr. Arbeit, bei der die Arbeitsbedingungen katastrophal sind, oder die selbst sehr widerwärtig ist, macht natürlich nicht glücklich, vor allem nicht „frei“ gemäß einer unsäglich dummen Parole. Gerade für Menschen aus der westlichen Kultur hat der Freiheitsbegriff einen enorm hohen Stellenwert, so dass Arbeit, die sich gegen die persönliche Freiheit stellt, erstmal als unangenehm empfunden wird. Aber wie schon gesagt, gibt es hier Wundsalben und Opiate dageben, so dass das persönliche Glück, das dann nur mittelbar aus der Arbeit folgt, derselben unmittelbar zugeschrieben wird.

    Genug der Vorrede, kommen wir auf die Frage zu sprechen: „Kann eine Beschäftigung, die keinen Sinn hat, erfüllend sein?“ Die Frage hinkt etwas, denn in dem Moment, wo Arbeit erfüllend ist, gesellt sich auch Sinn hinzu. Ich glaube, man sollte sehr vorsichtig damit sein, Sinn zu objektivieren, ist dieser doch rein subjektiv. Einen objektiven Sinn würde ich eher als vernünftiges Ziel oder intersubjektiven Zweck beschreiben. Es gibt keinen Sinn, der da irgendwo schon ist und den man nur irgendwie finden muss, sondern er gesellt sich zu jenen, die in ihrer Arbeit eine Erfüllung finden. Er ist Wegbegleiter, nicht Ziel. Arbeit ist der Freiheit nicht entgegengesetzt, sondern jene füllt diese. Dort, wo Freizeit und Arbeitszeit zu dichotomen Begriffen werden, ist meines Erachtens etwas faul, was der Korrektur bedarf.

    • Arbeit macht selten glücklich, in unserer Welt wird das kaum einer in Zweifel ziehen, aber keine Arbeit zu haben, macht definitiv noch unglücklicher, weil man sich dann wie ein überflüssiger Schmarotzer vorkommt. Jedenfalls ist das die Regel, wenngleich keine Regel ohne Ausnahme ist.
      Letzten Endes ist dabei gar nicht die Arbeit das Ausschlaggebende, sondern ob jemand seinen Platz in der Welt hat und Wertschätzung erfährt. Ich denke, dass jeder Mensch den Drang in sich trägt, zur Gesellschaft etwas beizutragen.
      Mangelnde Wertschätzung ist zumeist die Ursache von depressiver Verstimmung der arbeitenden Bevölkerung. Aber der höchste Grad an fehlender Wertschätzung ist es meiner Ansicht nach, nicht gebraucht zu werden. Eine bezahlte Arbeit ist ein guter Schutz gegen dieses Gefühl. Deswegen ist es möglich, jemanden den man nicht kündigen kann, dadurch zu mobben, dass man ihm keine Aufgaben gibt und seine Arbeitszeit sinnlos absitzen lässt. Im Extremfall in ein kahles Zimmer setzt.
      Wer keine bezahlte Arbeit hat, braucht einen Ersatz, der ihm das erforderliche Gefühl gibt, nicht überflüssig zu sein. Das kann eine ehrenamtliche Tätigkeit sein, die Familie, irgendwas.

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