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Der freie Wille

by - 31. August 2013

Der freie Wille ist ein Gedankenkonstrukt, das einer genaueren Betrachtung nicht standhält.

Es gibt viele Wege und Umwege, über die versucht wurde, den freien Willen zu beweisen oder zu widerlegen. Manche nehmen sogar Experimente aus den Neurowissenschaften zu Hilfe. Das ist aber alles nicht relevant. Mit ein ganz klein wenig Überlegung kommen wir auch auf rein geisteswissenschaftlicher Ebene weiter.

Zunächst einmal: Was bedeutet der freie Wille? Er bedeutet, dass ein Mensch frei ist in seiner Entscheidung, etwas zu tun oder zu unterlassen. Frei wovon? Von Fremdbestimmung! Er ist sozusagen selbst und allein verantwortlich für seine Entscheidung, er kann sich nicht herausreden, seine Kindheit oder unwiderstehliche körperliche Triebe hätten ihn gezwungen. Auf dieser Sichtweise basiert unser heutiges Konzept von Schuld und Strafe, das in einigen Punkten zwar gelockert wurde (mildernde Umstände, Zurechnungsfähigkeit), aber im Wesentlichen immer noch die Grundlage moralischer Bewertung in unserer Kultur ist. Und die Grundlage vieler Religionen.

Die Frage, ob sich ein Mensch auch anders hätte entscheiden können, wenn er sich schon entschieden hat, ist wissenschaftlich nicht zu beantworten, da man eine konkrete in der Vergangenheit liegende Situation nicht wiederholen kann. Aber wenn man sich fragt, warum er sich so entschieden hat, wie er sich entschieden hat, gibt es genau zwei Möglichkeiten:

Möglichkeit 1: Wir sagen, dass alles, was in der Welt geschieht, also auch menschliche Entscheidungen, Glieder in einer Kette von Kausalitäten sind. Nichts geschieht ohne Grund, nichts bleibt ohne Folgen. In diesem Sinne ist alles, was wir denken und tun eine logische Folge von dem, was in der Vergangenheit war. Von unserem Erbgut, unserer Erziehung, unseren Erfahrungen, von dem was wir gestern gefrühstückt haben usw. Meinetwegen auch von der Seele. Ob es Seelen gibt oder nicht, muss an dieser Stelle nicht geklärt werden, das Endergebnis bleibt nämlich bezüglich des freien Willens dasselbe: Wir sind Bestandteil eines (fast) unendlich komplexen Uhrwerks, das in einer vorherbestimmten Weise abläuft, und daraus ist ein Ausbruch nicht möglich.

Möglichkeit 2: Wir sagen, dass die Kausalkette Löcher haben kann. Egal, wie die Welt bis zum Punkt X abgelaufen ist, egal welche Veranlagung, Erziehung, Vorlieben etc. ein Mensch hat, am Punkt X ist das für seine Entscheidung nicht zwingend. Er kann sich sozusagen auch gegen seine Natur entscheiden, denn er ist frei.

Auf den ersten Blick ist für die Verfechter des freien Willens die Möglichkeit 2 die richtige Lösung, denn in Möglichkeit 1 kann man ja kaum von Freiheit sprechen. Und dass wir alle Roboter sein sollen, denen vorgegeben ist, was sie als nächstes tun werden, widerspricht auch unserem subjektiven Erleben der Welt. Bei genauerer Überlegung ist es jedoch genau umgekehrt. Wir empfinden unsere Handlungen genau dann als frei und von uns entschieden, wenn sie sich im Einklang mit unserem Wesen befinden. Wir würden umgekehrt das Gefühl von Fremdsteuerung haben, wenn wir uns entgegen unseres Wesens entscheiden würden. Nichts anderes jedoch ist die Konsequenz von Möglichkeit 2. Anstelle einer Kausalkette tritt als Ursprung unserer Entscheidungen ein Zufallsgenerator. Nichts würde uns hindern, unseren besten Freund zu töten oder uns in den nächsten fünf Minuten mit einer Kuchengabel selbst die Augen auszustechen.

Falls mir jemand widersprechen will: Ich bin gerne bereit, mir ein schlüssiges Modell des freien Willens anzuhören, sofern das einer zustande bringen mag. Bis dahin bleibe ich beim Determinismus. Ich habe kein Problem damit, die Welt als Kausalkette zu sehen und mich als Teil dieser. Das liegt an einem kleinen Detail: Ich kenne die Zukunft nicht und kann daher nicht daran scheitern, mich ihr zu widersetzen. Auch Begriffe wie Verantwortung, Schuld, Verdienst, werden dadurch nicht entwertet, und mein Leben hat nicht plötzlich keinen Sinn mehr. Eben weil die Kausalkette funktioniert, kann ich mich darauf verlassen, dass wenn ich Lust habe, ein Glas Wein zu trinken, ich aufstehen und mir eins einschenken kann. Und wenn ich Lust habe, meine Gedanken in diesem Blog mitzuteilen, verhindert kein Zufallsgenerator, dass ich stattdessen auf die Straße gehe und nackt Tango tanze. Das werde ich tun, wenn ich an der Idee Gefallen finde.

Auf theologischer Ebene hat der Determinismus allerdings durchaus einige Konsequenzen. Man muss sich nämlich fragen, was das für ein Gott sein soll, der erst Menschen erschafft und sie dann anschließend, wenn sie nicht so tun wie gewollt, mit Zorn, Haß und Hölle straft. Ist es überhaupt möglich, dass der Mensch gegen Gottes Willen handelt? Nur, wenn dieser Gott nicht allmächtig wäre. Und selbst wenn wir das akzeptieren, so kann der Schöpfer, wenn sein Konstrukt nicht so funktioniert wie gewünscht, höchstens auf sich selbst sauer sein. Ein strafender und zürnender Gott ist etwas, das bedenklich menschenähnlich ist. Schlimmer noch. Es ist kein weiser und gütiger Mensch. Es entsteht das Bild eines moralisch und philosophisch verachtenswerten Wesens. Mit übermenschlichen Fähigkeiten. Ein Alptraum.

Den Determinismus nicht zu akzeptieren, heißt jedoch auch nichts weiter, als die Allmacht Gottes nicht zu akzeptieren, ansonsten ändert sich nicht viel. Schon gar nicht für den Menschen, denn moralische Konsequenzen lassen sich für das Opfer eines Zufallsgenerators nicht herleiten.

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From → Philosophie

2 Kommentare
  1. „Determinismus, so what?!“

    Aus philosophischer Sicht und physikalischer Erkenntnis lässt sich über die Beschaffenheit und Wesens des freien Willens nichts Eindeutiges ausssagen. Die Quantenmechanik beschreibt Zufälle als real, weil sich keine Kausalitätswirkungen nachweisen lassen. Meines Erachtens handelt es sich dabei um eine Realitiät, in der unsere Erkenntnisse a priori (Raum und Zeit) und die daraus abgeleitete Kausalität keine Widerspieglung findet, unsere räumliche und zeitliche Empfindungen nicht anzutreffen sind und Raum und Zeit zu bloßen Energieformen entarten. Darauf lässt sich jedenfalls philosophisch keine Rechtfertigung für einen Determinusmus oder desses Gegenteil ableiten. Die Wichtigkeit für einen freien Willen muss deshalb im Wesen des Menschen gesucht werden. Ich teile die Auffassung von Friedrich Nietzsche, der zwar keine abgeschlossene Epistemologie lieferte, aber die Wahrheit als „notwendigen Irrtum“ generell ablehnte. Es geht folglich nicht darum, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, sondern wie hilfreich der „notwendige Irrtum“ für den Menschen im Einzelnen und Ganzen ist. Für mich, dem ein außergewöhnliches starkes Streben nach Freiheit innewohnt und mich antreibt, ist der freie Wille eine ausgesprochen hilfreiche und wirksame Arbeitshypothese. Sie befähigt mich u.a. fremdbestimmende Wirkmechanismen eher zu spüren als mein gedachter Durchschnitt und dadurch meine Freiheit gegen dieselben wirksam durchzusetzen und entfalten zu lassen. Ich empfinde mich als frei und meinen Willen als Ausdruck meines innersten Streben, das ich auch als Wirkung eines inneren Kerns bezeichnen möchte, der tiefer als das Bewusste und Unbewusste liegt.

  2. Marco Reuter permalink

    Der freie Wille ist etwas zwangloses, nicht determiniertes, im Wesen eines Menschen, eines Gottes, eines Tieres oder einer Pflanze, eines Sandkorns etc., also der Wesenheit alles Seienden, behaftet.
    Was dem Seienden den freien Willen aktiviert ist erstmal unklar.
    Die Motivation des freien Willens entsteht vermutlich, aus den Unwillen über die eigene oder andere Willenlosigkeit.
    Der Unmut setzt den Willen frei, der Trotz.
    Die Kanalisation des freien Willens, als Energie zur Veränderung, geht vom Seienden aus, wenn es transzendieren bzw. sich über die Wesenheit im allgemeinen, hinwegsetzen möchte.
    Die Kanalisation ist eine innere, weil sie als äußere nicht festzumachen ist. Sie verändert das Seiende aus einer inneren Zwanglosigkeit heraus und tritt dem Fatalismus, Defätismus, Existentialismus und Determinismus entgegen.
    Der freie Wille wird substantiell in der Alchemie, als Methode zur Selbstentfaltung verstanden. Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und Selbstfindung sind ohne freien Willen nicht vorstellbar.

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