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Gedanken zur Beschneidung von Penissen

by - 29. April 2013

Die kurzzeitig hochgekochte Debatte um dieses Thema ist schon wieder abgeflaut. Aber da es seine Aktualität noch auf Jahre – wenn nicht gar Jahrzehnte – nicht verlieren wird, passt es.

Die Beschneidung aus religiösen Gründen an Babys ist aus Sicht von Recht und Gesetz zunächst einmal eine Körperverletzung, daran gibt es nichts zu diskutieren. Die Frage ist allerdings, ob man in unserem Lande diese Körperverletzung den Religionsangehörigen erlauben oder verbieten soll.

Die Argumente, die ich so gefunden habe, sehen so aus:

–       Körperverletzung an Kindern ist abscheulich (contra)

–       Körperverletzung ist verboten (contra)

–       Das Grundgesetz sichert Religionsfreiheit zu (pro)

–       Das Grundgesetz sichert körperliche Unversehrtheit zu (contra)

–       Beschneidung ist Teil einer „Identität“ (pro)

–       Beschneidung wird seit Jahrtausenden praktiziert (pro)

–       Bescheidung verursacht ein Leben lang Probleme (contra)

–       Beschneidung verursacht keinerlei Probleme (pro)

–       Die Beschneidungsgegner sind Antisemiten (pro)

–       Vergleiche mit ähnlichen Sachverhalten (pro und contra)

Irgendwie haben in der Debatte dummerweise alle irgendwie recht. Dennoch wäre es gut, hier irgendeine Struktur hineinzubringen.

Zweifellos ist es zunächst einmal inkonsequent, an Kindern die Penisverstümmelung hinzunehmen (zuckst du bei diesem Wort zusammen? Dann lies den Artikel „Die Macht der Worte“ (in Vorbereitung)), während andere Dinge verboten und geächtet sind, wie z.B. die WEIBLICHE Verstümmelung, die Prügelstrafe, Piercing und Tattoos. Viele meinen, dass diese Dinge ja gar nicht miteinander zu vergleichen sind, das ist aber inkorrekt, sie gehören sehr wohl alle in denselben Topf. Ebenfalls da hinein gehören jegliche Erziehungsmaßnahmen und -stile, da sie alle irgendeinen Einfluss darauf nehmen, wie das Kind seine Kindheit erlebt und wie es als Erwachsener sich fühlen wird. Es wird oft mit der Irreversibilität argumentiert: Die Vorhaut kommt nie wieder zurück. Was ja richtig ist. Aber sind Prügel und Folter demnach besser, wenn man später nur nichts mehr davon sehen kann? Nicht einmal scheinbar harmlose Dinge wie z.B. die Taufe und Erziehung im religiös verseuchten Umfeld sind unproblematisch.

Einige haben das erkannt und meinen, die Taufe solle am besten auch gleich verboten werden, mit 18 könne man sich dann für eine Religion entscheiden. Das Kind soll am besten ALLES über sich mit 18 Jehren selbst entscheiden dürfen.

Dieser Ansatz ist gar nicht schlecht, funktioniert aber nicht. Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne ein Kind in völliger Entfaltungsfreiheit groß werden lassen, so dass es dann pünktlich zum 18. Geburtstag alle wesentlichen Lebensentscheidungen selber treffen kann und wird. Das ginge nicht einmal dann, wenn man es wollte. IRGENDWAS müssen die Eltern ja mit ihren Kindern machen. Selbst die antiautoritärste Erziehung formt das Kind. Und seien wir doch ehrlich, wer von uns mag eigentlich „unerzogene“ (ungezogene) Kinder?

Die Frage muss daher nicht lauten ob, sondern WELCHE Rechte Eltern in Bezug auf die Formung ihres Nachwuchses haben sollen.

Und wenn wir hier noch eine Ebene tiefer eindringen, stellen wir fest, dass die Antwort auf diese Frage ihren Ursprung darin hat, wie wir selber uns die ideale Erziehung und ideale Kindheit vorstellen.

Die meisten von uns möchten gerne, dass ein Kind unbeschwert und fröhlich aufwächst, und als Erwachsener ein nützliches Mitglied der Gesellschaft ist. Der religiöse Fanatiker setzt sowieso andere Prioritäten, das müssen wir gar nicht vertiefen, aber leider wird auch wenn man sich über die Sache mit der unbeschwerten Kindheit einig ist, keine Einigkeit darüber zu erzielen sein, welcher Weg dorthin der optimale ist. Es gibt auch keinen, denn in der Gleichung sind sehr viele Variablen.

Am schwersten fällt dabei die Erkenntnis, dass absolute Werte nicht existieren (-> Artikel in der Rubrik Grundsätzliches folgt noch) und viele Dinge, die dir vielleicht wünschenswert oder aber grausig vorkommen, von deinen Nachbarn keineswegs genau so gesehen werden müssen.

Für die, die in einer Kultur aufwachsen, wo die Beschneidung normal ist, führt die Beschneidung offenbar zu keinen nennenswerten Einbußen in der Lebensqualität. Sagen jedenfalls die Betroffenen selber. Es ist vielmehr ein Problem, wenn die Eltern nicht sicherstellen können oder wollen, dass ihre Kinder der Norm entsprechen. Nichtakzeptanz, Spott und Mobbing können die Kindheit sehr viel bitterer werden lassen als so eine kleine Genitalverstümmelung es kann.

Im Extremfall könnte man sich eine Gesellschaft vorstellen, wo es üblich ist, den Säuglingen den kleinen Finger zu amputieren, weil die Zahl 8 göttlich und die Zahl 10 teuflisch ist. Im Laufe der Zeit gerät der religiöse Ursprung vielleicht in den Hintergrund und man findet andere Begründungen, warum es vorteilhaft ist, nur 8 Finger zu haben, z.B. sieht es schöner aus oder die Hand wird geschickter und hygienischer. Solange alle so herumlaufen, wird keiner die bestehenden Verhältnisse in Frage stellen und alle sind zufrieden.

Ein extrem interessantes Interview zu diesem Thema findet sich übrigens hier: http://www.philosophische-praxis.at/dirie.htm

Aaaaalso.

Die letzten beiden Aussagen, die ich gerade geschrieben habe, stimmen nur zu 99%. Das restliche Prozent sieht so aus: Zum einen führt die Beschneidung manchmal doch zu Beeinträchtigungen des Wohlbefindens, und zum anderen: Selbst in einer völlig abgeschotteten Gesellschaft gibt es immer wieder Menschen, die die bestehenden Verhältnisse in Frage stellen. Sie sind letzten Endes für den gesellschaftlichen Fortschritt (oder auch Rückschritt) verantwortlich.

Nebenast der Gedanken: Das Christentum kennt eigentlich keine Beschneidung. Ursprung der Beschneidung in den USA sind sexualfeindliche Moralvorstellungen, nach denen der Sexualtrieb böse ist und die Ausübung vergällt werden muss. Schon die Erwähnung des Wortes Masturbation führt bei diesen Leuten zu Schweißausbrüchen. Einer, der sich sehr für Genitalverstümmelung von Jungs wie Mädels stark gemacht hat, war der Erfinder der Corn Flakes (Kellogg). Von ihm stammen so kreative Ideen, wie die Klitoris mit Karbolsäure zu übergießen. Deswegen esse ich Kellogg’s Produkte ebensowenig wie ich „Hitlerschnitten“ essen würde. Gedankenast Ende.

Wie auch immer. Trotz des gewaltigen Macht der Religion im Mittelalter sind die denkenden Menschen nicht ausgestorben, und ich behaupte, wir (die sogenannten westlichen Kulturen) haben in den letzten 200 Jahren in Bezug auf Psychologie, Philosophie und Ethik enorme Fortschritte gemacht. Eine der größten Errungenschaften ist es, über die Grenzen des eigenen Dorfes hinaussehen und sich mit den vollkommen fremden Gedanken anderer Kulturen sachlich auseinandersetzen zu können. Das, was wir für gut und unsere Lebensqualität steigernd halten, übernehmen und integrieren wir in unsere Weltanschauung und unseren Alltag.

Genitalverstümmelung haben wir nicht übernommen.

Es bleiben letztlich als Pro-Argument für die Beschneidung nur Religion und Identitätswahrung. Nun gut. Wir Europäer brauchen diese Praxis für weder das eine noch das andere. Das heißt, unsere eigenen Kinder sind nicht in Gefahr.

Bleiben noch die Kinder anderer Kulturen, Juden und Mohammedaner. Dürfen wir uns denn da überhaupt einmischen? Gut, das mag manchen Leuten egal sein. Sie sehen nur die armen Kinder, die vor ihrem schrecklichen Schicksal „errettet“ werden müssen. Wenn man diesen Gedanken in aller Konsequenz zu Ende denkt, müssen die Jugendämter alle Babys von Juden und Moslems in Obhut nehmen und in Heime / Pflegefamilien stecken. Außerdem verlangt die Konsequenz dann auch, Kriege gegen andere Nationen zu führen, da sie ihre Traditionen kaum freiwillig aufgeben werden. Lassen wir die Frage der Machbarkeit mal außen vor. Macht man damit irgendjemanden glücklich? Haben die befreiten Kinder dann eine bessere Kindheit? Ich belasse es beim rhetorischen Charakter der Frage.

Es gibt nun sicher einige, die sagen werden: „So und so ist das GESETZ in unserem Land und an das müssen sich alle halten!“ Mag sein, aber Gesetze kann man ändern. Die ganze Aufgabe der Politik ist keine andere als die, Gesetze zu ändern. Ich sage, es liegt kein Vorteil für irgendjemanden darin, diese ganze Beschneidungssache zu kriminalisieren. Und wenn die Juristen meinen, das ginge nur mittels eines Gesetzes oder einer Gesetzesänderung, dann bitte sehr.

Das heißt übrigens mitnichten, dass ich persönlich Beschneidung gut finde. Ich halte diese Praxis für groben Unfug, der im aufgeklärten 21. Jahrhundert nichts zu suchen hat. Aber – und ich bitte das als eine der Säulen dieses ganzen Blogs zu betrachten – es gibt viele Baustellen des menschlichen Zusammenlebens und der Politik, wo man erkennen muss, dass wenn man eine Änderung will, dieses nicht über Gesetze und Verbote zu erreichen ist, sondern einzig über Aufklärung.

Woraus im übrigen direkt folgt, dass kaum ein Wert so hoch einzuschätzen ist wie die Meinungsfreiheit, denn ohne diese gibt es keine Aufklärung.

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